Sanierung der Netzwerksparte
Siemens erleidet offenbar Rückschlag

Statt wie geplant 2 300 Stellen werden am wichtigsten Standort der angeschlagenen Netzwerksparte ICN in der Münchener Hofmannstraße jetzt wahrscheinlich weniger als 1 000 Jobs abgebaut.

cbu/jojo MÜNCHEN. Nach Angaben der IG Metall haben sich Siemens und der Betriebsrat in einer ersten Übereinkunft darauf geeinigt. Eine Konzernsprecherin wollte dies gestern aber nicht bestätigen. "Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Wir sind aber auf gutem Weg", sagte sie. Eine Lösung würde demnächst präsentiert.

Seit August streiten sich der Konzern und die Arbeitnehmervertreter um den angekündigten Stellenabbau in der angeschlagenen Netzwerk-Sparte von Siemens. Das Geschäft in diesem Bereich ist in den vergangenen Monaten fast völlig zusammen gebrochen. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs 2001/02 machte die Sparte - einst das Herzstück des Technologieunternehmens - bereits einen Verlust von 366 Mill. Euro. Der Grund: Fast alle Telekommunikationskonzerne halten sich derzeit mit Investitionen zurück. Bei ICN brechen Auftragseingang und Umsatz derzeit um rund 30 % ein. Konkurrenten wie Lucent, Nortel oder Ericsson kämpfen ebenfalls mit tiefroten Zahlen und haben in den vergangenen Monaten mehrere tausend Jobs gestrichen. Aussicht auf Besserung in den kommenden Monaten besteht nach Ansicht von Analysten nicht.

Seit knapp einem Jahr versucht Spartenchef Thomas Ganswindt deshalb, das Geschäft umzubauen. Bisher wurde der Abbau von 17 800 Arbeitsplätzen bekannt gegeben. Damit würde jede vierte Stelle gestrichen. Gegen das Sparprogramm regt sich aber für Siemens ungewöhnlich heftiger Protest der Arbeitnehmer, die zuletzt auch vor der Zentrale des Konzerns in der Münchener Innenstadt lautstark demonstriert hatten. Das ICN-Werk in der Münchener Hofmannstraße ist einer der größten und wichtigsten Standorte des Konzerns.

Analysten reagierten gestern mit Ablehnung darauf, dass Siemens nun wohl weniger Stellen abbauen wird als angekündigt. "Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass die Kosten bei ICN noch aggressiver gesenkt werden müssen", meinte Dirk Rübesamen von der WestLB. Es zeige sich, dass das Kürzen von Stellen immer schwieriger und vermutlich nun auch teurer werde. Auch andere Analysten forderten bisher eher einen noch stärkeren Stellenabbau.

Sollten sich die Angaben der Arbeitnehmer bewahrheiten und weniger Arbeitsplätze wegfallen als geplant, dann wäre das auch ein Rückschlag für Sanierer Ganswindt und dessen Verhandlungsführung. Denn es gilt als wahrscheinlich, dass sich die Branche nur sehr langsam erholen wird.

Statt die Kapazitäten langfristig zu reduzieren, versucht Siemens jetzt aber, mit einer Arbeitszeitverkürzung von zweieinhalb Stunden für alle Beschäftigten über die Runden zu kommen. Außerdem sollen bislang fremd vergebene Leistungen nun intern erledigt werden. Wer dennoch gehen muss, wird in eine Beschäftigungsgesellschaft wechseln, die nach Gewerkschaftsangaben weiter zu Siemens gehören wird. In dieser Gesellschaft erhalten die Mitarbeiter bei Kurzarbeit null 85 % ihres vorherigen Nettolohns. Sie bekommen darüber hinaus Fortbildungsangebote. Ähnliche Modelle verfolgt der Konzern auch in anderen angeschlagenen Bereichen, wo die Mitarbeiter unter anderem auf Urlaubstage verzichten.

Die IG Metall Bayern betonte gestern dennoch, dass "der Konflikt noch nicht zu Ende" sei. Es gebe nach wie vor viele offene Punkte. Vor allem sei die endgültige Zahl noch offen, wie viele Mitarbeiter tatsächlich in die Beschäftigungsgesellschaft gehen müssen. Dies hänge unter anderem davon ab, wie viele Siemensianer die Firma freiwillig mit einem Abfindungsangebot verlassen werden.

Bis 2004 muss der Bereich ICN nach den Vorgaben von Konzernchef Heinrich von Pierer eine Eigenkapitalrendite von 8 bis 11 % erreichen. "Aus heutiger Sicht sind die Strukturanpassungen damit abgeschlossen", hatte Ganswindt bereits Ende September mitgeteilt - offenbar etwas voreilig, wie sich jetzt zeigt.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%