Sanierungsaufwand weit höher als erwartet
Krise bei Eurobike kostet Vorstandschef Will den Job

Herbert Will muss als Vorstandschef der Eurobike AG gehen. Die Handelskette für Motorradbedarf drohte mit Vollgas aus der Spur zu fahren. Nachfolger Marcel van Brakel will jetzt "klar Schiff" machen.

DÜSSELDORF. Lässig schwingt sich der Biker in der schwarzen Ledermontur auf seine Harley, lässt den Motor aufheulen und donnert am Rhein entlang Richtung Sonnenuntergang. Easy Rider am Niederrhein. Weit gefehlt. Herbert Will ist der Spaß am Motorradfahren gründlich vergangen. Er ist als Vorstandschef der Düsseldorfer Eurobike AG gefeuert worden. Von Lässigkeit und Easy Living keine Spur.

Der Chef von Motorradzubehör- und-bekleidungshäusern wie etwa Hein Gericke posierte zuletzt selbst vor seiner Harley nur noch in Anzug und Krawatte. Mit seinem Aufsichratschef Jens Odewald, wie Will auch selber Eurobike-Aktionär, ist nämlich nicht zu spaßen, wenn es ums Geld geht. Der Ex-Kaufhof- Chef hat Will aus "wichtigem Grund" den Laufpass gegeben.

Nur nach und nach sickern die tatsächlichen Gründe durch. Zunächst war lediglich von einem Wertberichtigungsbedarf auf Forderungen von 24 Mill. DM die Rede. Und davon, dass das operative Ergebnis im ersten Quartal um zwölf Mill. DM unter dem Plan liege. Eine Sonderprüfung, die der Aufsichtsrat in Auftrag gegeben hat, läuft noch.

Marcel van Brakel, der jetzt vom Vertriebsvorstand zum neuen Vorstandschef bei Eurobike aufgerückt ist, rückt gegenüber dem Handelsblatt mit der Wahrheit heraus: Eurobike drohte ins Aus zu schlittern. Für 2001 rechnet das Unternehmen bei einem Umsatz von 515 Mill. DM mit einem Verlust von bis zu 80 Mill. DM. Der Wertberichtigungsbedarf auf Forderungen und Vorräte hat sich inzwischen verdoppelt. Operativ soll der Verlust im einstelligen Millionenbereich liegen. Will hatte im Februar noch ein operatives Ergebnis von 25 bis 30 Mill. DM bei 600 Mill. DM Umsatz in Aussicht gestellt.

Van Brakel begründet das Desaster mit dem stark defizitären Großhandels-Geschäft. Von einem operativen Verlust von über 20 Mill. DM ist die Rede. Allein die Großhandelstochter Schuh erwirtschaftete 2000 einen Verlust von über 15 Mill. DM. Und auch die 2000 übernommene Difi-Gruppe aus Varel, als großer Übernahmeerfolg gefeiert, schreibt rote Zahlen.

Will hat sich an der Sanierung verhoben. Auf der Hauptversammlung Ende März hatte er den Sanierungsaufwand auf nur drei Mill. DM beziffert. Eine krasse Fehleinschätzung. Van Brakel spricht jetzt von zwölf Mill. DM. Die Unternehmensberatung Droege & Comp. AG wurde beauftragt, ein Umstrukturierungskonzept zu entwickeln.

Doch das ist noch nicht die ganze Geschichte. Selbst mit Hein Gericke lief zuletzt nicht mehr alles rund. In Frankreich schreibt Eurobike mit der Kette rote Zahlen. Der Rückzug des Geschäfts in die Ballungsräume ist eingeleitet worden.

Tatsächlich war Will in seiner Doppelfunktion als Vorstandsvorsitzender und Finanzchef überfordert. Die Fehleinschätzungen häuften sich. Wegen mangelnder Vorsorge verbuchte Eurobike beispielsweise allein drei Mill. DM Währungsverluste. Der Yen war schuld.

Mit einer eher unbeholfenen Bilanzakrobatik setzte Will dem ganzen dann noch die Krone auf: Ende 2000 musste er auf Druck Odewalds seine optimistische Ergebnisprognose für 2000 deutlich nach unten korrigieren. Will wollte die Verluste aus dem operativen Geschäft mit außerordentlichen Erträgen aus einem Leasinggeschäft kompensieren, hatte dies aber nicht offengelegt. Die Enthüllung auf Druck des Aufsichtsrats sorgte an der Börse für einen Kurssturz und für einen Knacks in Wills Beziehung zum Aufsichtsrat. Schon damals hieß es süffisant: Eurobike braucht dringend einen Finanzvorstand.

Van Brakel will jetzt "klar Schiff" machen. Der Großhandel soll saniert werden. Doch das hatte auch Will schon versprochen. Die Aktionäre (93 % Streubesitz) können daher nur hoffen, dass der neue Finanzchef tatsächlich im Sommer kommt. Denn bereits für 2002 hat van Brakel ein deutlich positives Ergebnis angekündigt. Dann wollen die Eurobiker wieder Spaß am Motorradfahren haben und mit der Harley Richtung Sonnenaufgang davonbrettern.

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