Santini übernimmt Verantwortung
Peinlicher Abgang eines Starensembles

Titelverteidiger Frankreich hat sich mit einer indiskutablen Leistung von der Fußball-EM verabschiedet. Die Mannschaft habe einfach zu schlecht gespielt, sagte Zinedine Zidane.

HB LISSABON. In der 82. Spielminute hob Jacques Santini den linken Arm und tippte mehrmals auf seine Uhr. Der Blick des französischen Fußball-Nationaltrainers war auf Thierry Henry gerichtet. Uns läuft die Zeit davon, wollte Santini seinem Topstürmer zu verstehen geben. Henry beherzigte die Forderung und zog drei Minuten vor dem Ende des EM-Viertelfinals gegen Griechenland noch einmal ab. Als der Ball um Haaresbreite am rechten Torpfosten vorbeiflog, schien die Zeit im Alvalade-Stadion von Lissabon für Sekunden stehen zu bleiben.

Die 0:1-Niederlage im EM-Viertelfinale gegen den absoluten Außenseiter war die größte Pleite seit der völlig verkorksten WM 2002. Der Europameister gab seine Chance auf die Titelverteidigung ohne Gegenwehr aus der Hand. «Wir sind sehr enttäuscht», sagte Mittelfeld-Star Zinedine Zidane nach dem Spiel. «Das wir ausgeschieden sind, kann man nicht als Überraschung bezeichnen. Wir haben einfach zu schlecht gespielt.»

So behäbig und emotionslos Frankreichs Starensemble aufgetreten war, erschien auch der Trainer. Santini trägt seine Gefühle nicht gerade auf der Zunge, doch der Abgang gegen Griechenland wäre eine Regung wert gewesen. Stattdessen lamentierte er über zu viel Zurückhaltung, den engen Terminplan im europäischen Fußball und die damit verbundene Überanstrengung der Spieler. Nicht ein Wort der Entschuldigung oder des Ärgers kam über die Lippen des 52-Jährigen.

«Ich übernehme die Verantwortung», sagte Santini nur. Schwer fallen wird ihm das nicht. Denn zu Beginn der Fußball-Saison 2004/2005 tritt der Coach sein Amt in der Premier League bei Tottenham Hotspur an. Ein Nachfolger für den Posten des französischen Nationaltrainers ist noch nicht gefunden.

Sehr viel emotionaler regierten seine Spieler, aber eben erst nach dem Viertelfinale. Trauernd setzten sie sich nach dem Schlusspfiff auf den Rasen. In die Fankurve traute sich keiner von ihnen. Während des Spiels hatte die Leidenschaft gefehlt. Gegen eine extrem defensiv eingestellte griechische Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel fanden die Franzosen kein Mittel. Gerade einmal drei Torchancen von Henry (50./87.) und eine von David Trezeguet (57.) arbeiteten sie heraus. Ein einziger Konter und ein Tor von Angelos Charisteas (65.) setzte sie letztlich außer Gefecht.

Arsenal Londons Trainer Arsene Wenger hatte seine Landsleute vor dem Spiel gegen den Underdog gewarnt: «Unterschätzt die Griechen nicht.» Aber das Santini-Team tat es doch. Oder zumindest war ihm der Gegner nicht großartig genug. Im Auftaktspiel gegen Endland hatte alles noch so exzellent ausgesehen. Zwei Tore Zidanes in der Nachspielzeit hatten Frankreich den Sieg beschert und die Favoritenstellung untermauert. Im Nachhinein wird klar, dass sich die Mannschaft schon da nur auf Einzelaktionen seiner Stars stützte. Das konnte aber nicht in vier Spielen in Folge funktionieren.

Frankreich hat am Freitagabend das Ende einer großen Generation gesehen. Viele der aktuellen Stammspieler wurden 1998 Welt- und 2000 Europameister. Zidane ist 32 Jahre alt und kündigte bereits vor der EM an, seine nationale Karriere beenden zu wollen. Viele werden es ihm gleich tun. Bis zur WM 2006 werden die Franzosen keinen neuen Zidane finden.

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