SAP-Chef Plattner schließt eine Rezession in der Softwareindustrie nicht aus
Plattner:„Wir brauchen eine Kultur der Weltoffenheit“

Im Gespräch mit dem Handelsblatt zeigt SAP-Mitgründer Hasso Plattner Verständnis für die Globalisierungsgegner und plädiert für verbilligte Aids-Medikamente für die Dritte Welt. Deutschland muss, so der Vorstandssprecher des Softwarekonzerns, sein Ausbildungssystem stark verbessern.

Herr Plattner, Teilnahme an der abgesagten Kanzlerreise durch Südamerika, Besuch beim Gipfel in Davos. Was treibt Sie in die Nähe der politischen Macht? Haben Sie Ambitionen, in die Politik zu wechseln?

Nein, ich bin ein normaler Staatsbürger und ein Vorstand, der seine staatsbürgerliche Verantwortung ernst nimmt. Das hat nichts mit Lobbyismus sondern mit einem vernünftigen Meinungsaustausch zu tun.

Wie klappt denn der Meinungsaustausch mit Gerhard Schröder?

Ganz im Gegensatz zu der alten Regierung gut. Herr Schröder fragt erstens und hört zweitens zu. Herr Kohl hat mich nie gefragt. Da ich gut ein Drittel meiner Zeit in Amerika verbringe, kann ich den Politikern vielleicht andere Informationen mitgeben.

Was für Informationen wären das?

Wir brauchen in Deutschland eine Kultur der Weltoffenheit. Die Amerikaner holen die begabtesten Leute. Auch wir müssen für italienische Akademiker genauso interessant sein wie für Leute, die im Restaurantgeschäft arbeiten. Meine größte Sorge ist aber, dass wir als Ausbildungsland völlig hinter Amerika zurückfallen.

Globalisierungsgegner stoßen bei Ihnen also auf taube Ohren?

Keineswegs. Ich habe für einzelne Forderungen Verständnis. Das Problem der Globalisierung ist eine faire Handelspartnerschaft. Wir dürfen zum Beispiel beim Thema Arzneimittel nicht den Rest der Welt mit unserer Hochpreispolitik abhängen.

Sie zielen auf die Diskussion um verbilligte Aids-Medikamente für die Länder der Dritten Welt?

Ja. Natürlich dürfen wir die Diskussion nicht auf dem Rücken der Pharmafirmen führen. Es sollte eine Welthilfsorganisation einspringen. Es dürfen aber nicht Millionen umkommen, nur weil Medikamente zu teuer sind, und gleichzeitig zeigt das US-Fernsehen, mit welchem Aufwand einzelne Menschen gerettet werden. Die Globalisierung soll und kann nicht verboten werden, sie muss aber politisch erträglich gestaltet werden. Im Übrigen hat sie ja auch etwas Gutes. Die SAP schafft zum Beispiel in über 80 Ländern Arbeitsplätze.

Und das mit wachsendem Erfolg. Die Trendwende bei SAP soll ja vor allem Ihnen zu verdanken sein. Bereitet Ihnen das viele Lob Angst?

Wenn ich die letzten zweieinhalb Jahre zurückblicke, haben sich Details geändert, aber die große Linie nicht. Natürlich haben wir entlang dieser Strategie viel geändert. Aber wir sind nicht erst gestern wieder erfolgreich geworden. Wir waren nie nicht erfolgreich.

Also stimmen die Berichte über Hasso Plattner, der bei SAP in letzter Minute das Ruder herumreißt, am Ende gar nicht?

Wir machen das hier in einem Team mit vielen Köpfen. Eines ist natürlich richtig: Dieses Gebilde braucht eine Richtung. Wir hatten eine theoretische Richtung, aber es kostete Zeit, bis die ganze Firma dorthin marschierte. Und da muss ich im Nachhinein denjenigen Recht geben, die zu Beginn zögerlich waren. Für einen Entwicklungsingenieur, der wusste, was die SAP-Software alles konnte, war es eben schwer zu verstehen, warum der Plattner sagt: Wir müssen erkennen, was Ariba richtig gemacht und wir falsch gemacht haben.

Besteht die Gefahr, dass die Mitarbeiter nach den Anstrengungen jetzt einen Gang zurückschalten?

Ich sehe diese Gefahr für eine ganze Weile nicht. Wir sind in so viele neue Felder mit einem enormen Entwicklungsbedarf aufgebrochen. Ich würde die Situation heute mit der von 1992 vergleichen, als R/3 seinen Durchbruch hatte.

Sie wollen nicht mehr alles alleine machen. Nehmen wir die Autoindustrie. Vorne klebt ein Stern auf der Haube, darunter sind Komponenten von Bosch und anderen. Ist so ein Modell für SAP denkbar?

Ein Potpourri von Software zu machen ist nicht unser Ziel. Es geht um ein offenes Portal, das auf alle Anwendungen zugreifen kann. Der Nutzer möchte die Gesamtsicht all dessen haben, was ihn interessiert. Das geht nur, wenn nicht alles von SAP kommt, sondern jeder mitspielen darf.

SAP wird also nicht die Plattform einer Software entwickeln, und die Komponenten kommen von Konkurrenten wie etwa Oracle?

Nein. Wir sind in der Softwareindustrie noch nicht so weit, dass wir ein Design machen, und Firmen, die im Wettbewerb stehen, für uns fertigen. Es wird noch viele Jahre dauern, und es wird noch viele Pleiten geben, bis die Softwareindustrie zu einer aufeinander aufbauenden Arbeitsteilung fähig ist.

Sie wollen mit SAP ein Lösungs-Anbieter für E-Business sein. Wandelt sich SAP vom Softwarehersteller zum Beratungshaus?

Nein. Natürlich wollen wir SAP als Lösungsanbieter profilieren, aber nur zusammen mit Partnern. Wir kümmern uns darum, dass unsere Software verstanden, richtig eingesetzt und richtig optimiert wird. Da sind wir näher am Produkt. Die Beratungshäuser bieten andere Qualitäten. Deshalb bauen die Beratungshäuser zurzeit SAP-Personal auf, was im Übrigen ein guter Frühindikator für unser Geschäft ist.

Wie läuft denn das IT-Geschäft zurzeit?

Es gibt eine Stagnation, vielleicht sogar eine Rezession, einen Rückgang also. Ganz klar gibt es aber eine Verschiebung zu den etablierten Komplettanbietern. Eine Trendwende sehe ich nicht und wage auch keine Prognose, wann sie kommen wird. Es wird ja heftig diskutiert, ob es sich beim aktuellen Abschwung um ein V oder ein U handelt. Ich glaube nicht an Wunder. Das kann ein ganz schön breites U werden.

Am Kapitalmarkt gibt es wieder Spekulationen um eine Gewinnwarnung von SAP. Spürt SAP den Abschwung?

Wir sehen den Abschwung, wir sehen aber auch unseren Marktanteil wachsen. Deswegen halten wir an unserer Prognose fest, die wir in einer bestimmten Zeit und mit einer Pipeline im Hintergrund aufgestellt haben. Aber wir können nichts machen, wenn ein Abschluss um drei Monate verschoben wird. Ob es genügend Ausgleich gibt, wissen auch wir erst am Quartalsende.

Den Abschwung spürt auch ihre Beteiligung Commerce One. Ist eine komplette Übernahme der Tochter eine Option für Sie?

Nein. Natürlich ist eine Übernahme theoretisch immer eine Option. Aber aktuell ist das kein Thema. Allerdings sind wir als einer der Hauptaktionäre aufgerufen, Mittel und Wege zu finden, wie Commerce One eine vernünftige Zukunft hat.

Commerce One ist ein Symbol für das Platzen der Blase. Was bleibt von der New Economy übrig?

Ganz viele von den Ideen bleiben, viel harte Arbeit, aber nicht der ganz schnelle Weg zum Milliardär. Und eine an die neuen Technologien der globalen Kommunikation angepasste Ökonomie. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Deutschland an vorderster Front in der Ausbildung mit dabei ist.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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