SAP drückt Standardwerte-Index
Dax schließt unter 4 900 Punkten

Die Kurse am deutschen Aktienmarkt kennen nur eine Richtung - nach unten. Schlechte Nachrichten aus der Technologie-Branche rissen den Dax deutlich unter die 5 000-Punkte-Marke.

FRANKFURT/M. Für den deutschen Aktienmarkt gilt derzeit offenbar das Motto "Schlimmer geht?s immer": Ein Kurssturz beim Software-Anbieter SAP und Sorgen über immer schlechtere Aussichten für die Informationstechnologie (IT) haben gestern den Deutschen Aktienindex (Dax) unter die psychologisch wichtige Marke von 5 000 Punkten gedrückt. Die schwache Tendenz an den US-Börsen verstärkte den Abwärtsdruck. Der Dax schloss um mehr als 3 % schwächer bei 4 875 Punkten. Dies ist der niedrigste Stand seit August 1999. Auch die Indizes am Neuen Markt sackten auf ein neues Rekordtief

Nachdem der Dax nun unter die 5 000-Punkte-Marke gerutscht sei, würden vor allem Spekulanten auf den Plan gerufen, die Leerverkäufe tätigten, sagte ein Händler. Sie verkaufen geliehene Aktien auf Termin zu einem festen Kurs und spekulieren darauf, dass sie sich die Aktien bei Fälligkeit des Termingeschäfts günstiger besorgen können. "Das erklärt auch die starken kurzfristigen Kursbewegungen", sagte ein Händler. Auf der anderen Seite würden Fondsmanager nach dem Durchbrechen der Schallmauer von 5 000 nun verstärkt ihr Portfolio absichern und auf Termin verkaufen, sagten andere. Die Stimmung am Markt nähere sich langsam dem Gefrierpunkt, sagte ein Händler. "Da kann der Wendepunkt nun nicht mehr weit sein", schloss er.

Die jüngste Talfahrt hat laut Deutscher Börse bereits den aufaddierten Börsenwert aller Dax-Firmen um über 100 Mrd. abgeschmolzen. Diese Summe entspricht dem diesjährigen Etat der Europäischen Union.

Die größten Verluste unter den deutschen Standardaktien verbuchten gestern Technologietitel. "Der Ausverkauf bei den High-Tech-Werten setzt sich fort", sagte Aktienexperte David Thwaites von BNP Paribas. Dabei würden Investoren und Händler vom Blick über den großen Teich geleitet. Sie sorgen sich stärker um die IT-Branche, nachdem der US-Konkurrent des deutschen Software-Anbieters SAP, Manugistics, gestern eine Gewinnwarnung abgegeben hatte. Zudem verkauften Anleger bereits im Vorfeld des Geschäftsausblicks, den der US-Halbleiterhersteller Intel nach Börsenschluss geben wollte. Die Unsicherheit über die schwebende Fusion von Hewlett Packard und Compaq beruhige auch nicht gerade, ergänzte ein Händler. So gaben die Siemens - Töchter Infineon und Epcos mehr als 7 % ab. Die Siemens-Aktie lag um mehr als 3 % im Minus.

Kommentar von Goldman Sachs belastet SAP

Am stärksten unter Druck standen aber die Aktien des Walldorfer Softwarehauses SAP, die etwa 9 % an Wert verloren. Händler führten den Einbruch auf einen Kommentar von Goldman Sachs zurück, in dem sich die Experten zurückhaltend über die Aussichten für das vierte Quartal geäußert haben, auch wenn sie SAP auf ihrer Empfehlungsliste ließen. Zudem belastete die Gewinnwarnung des US-Softwareanbieters Manugistics. Das Unternehmen hatte anstatt eines erwarteten Gewinns für das zweite Quartal einen Verlust bekannt geben müssen. Dies verstärkte die bestehenden Sorgen um die Softwarebranche. Allerdings sagten Analysten von ABN Amro und Credit Suisse First Boston, Manugistics sei nur begrenzt mit SAP zu vergleichen. Die Amerikaner seien relativ klein, nur auf dem US-Markt tätig und stellten Software her, die nur die Zulieferkette (SCM/Supply Chain Management) betreffe.

Dagegen sei SAP weltweit tätig und biete komplette E-Business-Lösungen an. Daher sei SAP in der Lage, Lösungen von Wettbewerbern wie Manugistics zu ersetzen. Dennoch überwog bei den Marktteilnehmern die Skepsis, was das künftige Wachstum von SAP angeht. SAP selbst teilte mit, die ursprüngliche Prognose habe Bestand. SAP-Vorstandssprecher Hasso Plattner hatte in einem kürzlichen Interview (siehe Handelsblatt vom 5.9.) die Firmenprognose bekräftigt.

Überdurchschnittlich verloren auch Commerzbank-Aktien, die von einem erneuten Übernahmegerücht durch Unicredito belastet wurden (siehe Artikel unten). Allianz und Münchener Rück gaben ab, weil Anleger sich laut Händlern von den bislang relativ stabilen Kursen verabschiedeten.

Zu den wenigen Gewinnern gehörten BMW. Die Titel profitierten Händlern zufolge von den guten US-Absatzzahlen. Daimler-Chrysler tendierten behauptet, bei VW blieben die Verluste vergleichsweise gering. Auch Aktien der Deutschen Telekom hielten sich zunächst relativ stabil. Hedge Funds kauften nach Angaben von Händlern dazu und stützten den Kurs. Erst am Abend drehte der Kurs stärker ins Minus.

Auch in der zweiten Reihe sackten die Kurse ab: Der MDax verlor 1,7 % auf 4 365 Punkte. Am kräftigsten verloren Pro Sieben Sat 1, die in der Spitze um gut ein Fünftel einbrachen. Zum Schluss betrug der Kursverlust 16 %. Dahinter steckten laut Händlern Berichte über eine mögliche Fusion mit Kirch Media. Dadurch wolle Leo Kirch sein Kerngeschäft an die Börse bringen. "An den Berichten gibt es nichts Positives für Pro Sieben", sagte ein Händler.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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