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SAP leidet unter schlechten Nachrichten der US-Wettbewerber

Experten bescheinigen SAP recht gute Wachstumschancen. Doch ob die Anleger davon profitieren werden, ist fraglich.

DÜSSELDOR. SAP-Aktionäre brauchen auch im kommenden Jahr vor allem eines: Nervenstärke. "Die Volatilität der Aktie wird kaum nachlassen", glaubt Jörg Natrop, Analyst bei der WGZ-Bank. Allein im November verloren die Vorzüge fast 40 Prozent an Wert, um in den ersten Dezembertagen wieder 20 Prozent zuzulegen. Und das sind selbst für SAP-Verhältnisse außergewöhnlich hohe Kursschwankungen. Wer nach Gründen für die Ausschläge sucht, findet kaum harte Fakten. "Die Vorgaben kommen nicht aus Deutschland und auch nicht vom Unternehmen selbst. Bestimmend ist die US-Technologiebörse Nasdaq", sagt Natrop. In Amerika haben die Konkurrenten von SAP ihren Sitz, hier sind ihre Aktien gelistet. Für SAP sind die Rahmenbedingungen damit alles andere als günstig. Die Rede von US-Notenbankchef Alan Greenspan hat Befürchtungen neue Nahrung gegeben, die US-Konjunktur könnte bei ihrem Abschwung doch härter landen als allgemein erwartet. Das steigert die Unsicherheit am Markt. Analysten werden zunehmend vorsichtiger. Zwar beurteilen die meisten die langfristigen Wachstumsaussichten von SAP als gut, dennoch halten sich mittlerweile die Urteile "Kaufen" und "Halten" in etwa die Waage.

Einige Experten fürchten, dass die großen Konzerne ihre Investitionsbudgets für Internetplattformen ändern, über die sie Geschäfte abwickeln (Business-to-Business/B2B). Andere dagegen bescheinigen der B2B-Software angesichts der Einspareffekte gerade in schlechteren Zeiten gute Absatzchancen. "Das Investment-Thema für 2001 ist B2B", sagt Richard Bernstein, Investmentstratege von Merrill Lynch. In einem sind sich die Experten einig: Von den traumhaften Wachstumsraten vergangener Jahre müssen sich die Anleger verabschieden. "Wir erwarten, dass die Investoren statt auf schnelles Gewinnwachstum wieder stärker auf die guten alten Basiswerte wie etwa die Stabilität des Gewinnwachstums schauen", sagt Bernstein. Die Experten von Merrill Lynch gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie halten eine "Renaissance der defensiven Softwareaktien" für möglich. Angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten könnten Investoren die ERP-Schwergewichte (ERP ist Software zur Steuerung betriebsinterner Abläufe) mit ihren stabilen Wachstumsraten von zehn bis 15 Prozent als sicheren Hafen ansteuern.

Freilich gibt es auch SAP-interne Gründe, die den Kurs belasten. Seit einigen Tagen werden Stimmen laut, die Zweifel am Erfolg von SAP im Zukunftsmarkt der Kunden-Management-Systeme (CRM - Customer Relationship Management) äußern. So ist zum Beispiel Marc Geall von Salomon Smith Barney mit der Geschäftsentwicklung dieser Sparte unzufrieden. Gleichwohl glauben viele Experten an die Zukunft der SAP. "SAP ist auf dem richtigen Weg. Wir werden im nächsten Jahr schöne Gewinnzuwächse sehen", sagt Natrop von der WGZ-Bank. Gleichzeitig gibt es erste Indizien dafür, dass der B2B-Markt doch robuster gegenüber konjunkturellen Schwankungen sein könnte als gedacht. So hat der SAP-Konkurrent JD Edwards vor wenigen Tagen die Analysten mit guten Quartalszahlen überrascht. Der Spezialist für Software zur Steuerung der Zulieferkette (Supply- Chain) konnte seine Lizenzerlöse um 36 Prozent steigern - ein Hoffnungszeichen für die gesamte Branche.

CHANCEN "Die Zahlen bestätigen die Strategie".

Friederike Herkommer ist zuversichtlich. "Die Aussichten für B2B und damit auch für SAP sind gut", sagt die Analystin der Hypo-Vereinsbank. Wie ihr Kollege Norbert Loeken von WestLB Panmure traut sie der SAP-Aktie eine "überdurchschnittliche" Kursentwicklung zu. "Die SAP-Internetplattform hat im dritten Quartal einen Anteil an den Lizenzumsätzen von 61 Prozent erreicht. Das bestätigt die MySAP.com-Strategie", argumentiert Herkommer. Zweifel am Erfolg der neuen CRM-Produkte zur Steuerung der Kundenbeziehungen kann Friederike Herkommer nicht ganz nachvollziehen. "Ich fand die Präsentation der neuen Produkte schlüssig. Das passt alles gut mit My.SAP.com zusammen", sagt die Hypo-Vereinsbank-Analystin. Und ihr Kollege Loeken ergänzt: "SAP ist optimistisch, in den nächsten Monaten einige Großaufträge bekannt geben zu können. Wir sind zuversichtlich, dass SAP derartige Großaufträge nicht grundlos in Aussicht stellt."

Die beiden Analysten verweisen auf das Ziel von SAP, mit speziellen Branchenlösungen in dem bislang vom US-Unternehmen Siebel Systems dominierten CRM-Markt Marktanteile gewinnen zu wollen. "Gegenüber Marktführer Siebel, der seine Stärken in den Branchen Telekom, Versorger und Finanzdienstleister hat, ist SAP auf Basis seines vertikalen Produkt-Know-hows im Segment Manufactoring, also zum Beispiel in der Automobilbranche, gut positioniert", sagt Loeken. Zudem wolle SAP das Marketing für CRM ausbauen und den Vertrieb über Beratungspartner verstärken, sagt Herkommer.

Auch die Strategie von SAP, über Partnerschaften mit anderen E-Com- merce-Unternehmen schneller komplette Softwarelösungen anbieten zu können, beurteilen die Experten der Hypo-Vereinsbank und der WestLB Panmure positiv. "Hinsichtlich der Kooperation etwa mit Commerce One erwarten wir ein interessantes neues Produkt im ersten Quartal 2001", erklärt Loeken. Weitgehend zufrieden ist Herkommer auch mit dem US-Geschäft. Ein Zuwachs der Lizenzerlöse im dritten Quartal von 47 Prozent in dieser Region sei erfreulich. Das Problem der hohen Mitarbeiterfluktuation in den USA bekomme das Unternehmen allmählich in den Griff. Natürlich sehen die beiden Analysten wie viele ihrer Kollegen die Gefahren, die die aktuelle Unsicherheit im Technologiesektor für den SAP-Kurs birgt. "Angesichts der derzeitigen Situation ist eine vernünftige Prognose über die Kursentwicklung alles andere als einfach", sagt Herkommer. Gleichwohl halten sie und ihr Kollege Loeken an ihren Anlageurteilen "Outperformer" fest. SAP werde im kommenden Jahr einen Umsatz von voraussichtlich 8,1 Mrd. Euro erzielen. Dabei werde der Gewinn je Aktie von prognostizierten 1,75 Euro in diesem Jahr auf wahrscheinlich 2,92 Euro zulegen, glaubt Herkommer und resümiert: "Die Transformation der SAP zu einem Anbieter von Internet- Software ist erfolgreich."

RISIKEN "SAP ist noch nicht der Klassenbeste".

Blickt Jochen Klusmann ins nordbadische Walldorf zum Softwareriesen SAP, überwiegt die Skepsis. "Wir haben den Titel nach der Veröffentlichung der eher enttäuschenden Zahlen zum dritten Quartal auf Reduzieren gestellt mit dem Kursziel 145 Euro", sagt der Analyst des Bankhauses Julius Bär. Klusmann hatte vor gut zwei Jahren mit einer SAP-Studie für Furore gesorgt. In einem allgemeinen positiven Umfeld hatte er die Aktie damals von "Halten" auf "Verkaufen" heruntergestuft. In Verbindung mit Gerüchten über schwächere Quartalszahlen hatte dies genügt, um die SAP-Vorzüge binnen eines Tages von 960 DM auf 825 DM stürzen zu lassen. "Das Kernproblem bleibt: SAP ist zu spät auf den Internet-Zug aufgesprungen", sagt Klusmann. Zwar seien die mittlerweile entwickelten Produkte gut und durchaus wettbewerbsfähig. "Aber sie sind wegen des Vorsprungs der Konkurrenz einfach nicht das Beste in der jeweiligen Klasse", argumentiert Klusmann. SAP habe aufholen können, "aber es gibt nach wie vor einen Rückstand".

Wie seine Kollegen glaubt auch Klusmann, dass Business-to-Business das bestimmende Thema im kommenden Jahr sein wird. Damit würden die entsprechenden Anwendungen die Wachstumsträger bei SAP bleiben. Gleichzeitig sei der Generationswechsel vom klassischen betriebsinternen ERP-Produkt hin zur Internet-Anwendung bei SAP nach wie vor nicht abgeschlossen. "Deshalb bleibt wie in diesem Jahr auch im kommenden Jahr abzuwarten, ob SAP mit der Konkurrenz mithalten oder sie sogar überflügeln kann", gibt sich Klusmann zurückhaltend. Auch die Erfolge im weltweit wichtigsten, aber auch härtesten Softwaremarkt, den USA, beurteilt Klusmann skeptisch. Natürlich habe SAP den Negativtrend stoppen und Umsatzzuwächse erzielen können. "Aber das war stark von Währungseffekten getrieben. Bereinigt ist SAP in Amerika langsamer als der dortige Markt gewachsen. Damit hat das Unternehmen Marktanteile abgeben müssen". Zusätzliche Probleme befürchtet Klusmann, wenn der Dollar wegen der nachlassenden US-Konjunktur an Kraft verliert. "In diesem Jahr hat der Dollar SAP bei Umsatz und Ergebnis geholfen. Dreht dieser Trend, wird der Gegenwind wesentlich stärker".

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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