SARS
Analyse: Chinas langer Marsch zur Transparenz

Dem anfänglichen Versteckspiel, das dazu beitrug, der Welt die erste Epidemie im neuen Jahrhundert zu bescheren, folgt in China der offensive Umgang mit dem SARS-Virus und seinen Folgen.

Chinas Regierung hat in der SARS-Krise nach massiver Kritik des Auslands das Ruder herumgeworfen. Dem anfänglichen Versteckspiel, das dazu beitrug, der Welt die erste Epidemie im neuen Jahrhundert zu bescheren, folgt der offensive Umgang mit dem SARS-Virus und seinen Folgen. Die Zahlen, die das Land seit Ostern über Neuerkrankungen und Todesfälle meldet, zeugen sichtbar von mehr Offenheit und offenbar auch von strengerer Erfassung. Die Ankündigung am Ostersonntag, gleichzeitig den Gesundheitsminister und den Pekinger Bürgermeister von ihren Positionen in der KP zu entbinden, belegt nicht nur, dass sich Chinas Führung für ihr Tun verantwortlich fühlt. Sie hat auch in der staatlichen Hierarchie - vor allem bei zögerlichen Bürokraten im Gesundheitssektor - Angst und Schrecken verbreitet. Wer jetzt noch Zahlen manipuliert oder SARS-Fälle unterschlägt, verliert seinen Job und muss mit empfindlichen Strafen rechnen.

Doch mit diesem Befreiungsschlag hat Chinas Führung erst einen kleinen Schritt auf einem langen und schwierigen Weg getan. Jetzt muss eiligst ein straffes und transparentes Meldewesen durchgesetzt werden. Die Medien müssen die 1,3 Mrd. Chinesen besser informieren. Hier sind noch zähe Rückzugsgefechte des offensichtlich unbelehrbaren Propaganda-Apparates zu spüren. Die SARS-Statistik für Ostermontag - 143 neue Infektionen und sieben Todesfälle in der Hauptstadt - wurde nach Mitternacht publiziert. So wurden die Hauptnachrichten am Abend von allzu negativen Meldungen freigehalten.

Chinas Führung muss auch an ihrer Mentalität arbeiten. Der Schwenk vom Sonntag, der im kommunistischen System einer neuen Kulturrevolution gleichkommt und im Ausland in dieser Tragweite auch ruhig anerkannt werden sollte, kam nur auf internationalen Druck zu Stande. Im Klartext: Die Regierung in Peking sorgt sich mehr ums Image im Ausland und um das Wachstum der Wirtschaft als um das Wohl der Menschen. Bei einem System, dessen Regierung nicht frei gewählt wird, mag das nicht weiter verwundern. Doch der wachsende Mittelstand, der politisch kritischer und wacher wird, wird so schräge politische Prioritäten nicht mehr allzu lange hinnehmen. Die enorme Wirkung, die die Kritik aus dem Ausland diesmal in Peking zeigte, dürfte sogar Begehrlichkeiten in diese Richtung wecken.

Mehr noch: China hat sich viel zu lange im Boom gesonnt und zu wenig in die "weichen" Faktoren investiert, die ein zukunftsträchtiges Gemeinwesen, das dauerhaft wachsen will, unbedingt braucht. Und dazu gehören vor allem eine saubere Umwelt, ein gutes Bildungswesen und ein funktionierender Gesundheitssektor. In diesem dritten Punkt haben die Experten der Weltgesundheitsorganisation China ein Armutszeugnis ausgestellt. Und schließlich: Wieder einmal hat das Handling der SARS-Krise unter Beobachtern und Investoren in China den Eindruck erweckt, dass die Armee ein Staat im Staate ist, dass die militärische Administration nur dann den Anweisungen der zivilen Regierung folgt, wenn es ihr beliebt. Die Militärkrankenhäuser in Peking berichteten lange nicht ihre SARS-Zahlen, obwohl eine klare Anweisung des Ministerpräsidenten vorlag. Investoren verzeihen vieles, auch autoritäre Regierungen und Zensur. Doch wenn sie nicht wissen, wer Herr im Haus ist, sind sie verunsichert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%