Schach ist Philosophie
Der unendliche Zug

Schach ist kein kurzweiliges Spiel. Schach ist eine Droge.

Als ich 17 war, wurde ich in die erste Mannschaft eines Schachvereins aufgenommen, der in einer Kölner Vorstadtkneipe seine Wettkämpfe austrug. Als ich 20 war, wollte ich eine Geschichte schreiben, in der ein Großmeister, der sich endlich als Herausforderer des Weltmeisters qualifiziert hat, die erste Partie des Wettkampfs um den begehrten Titel mit einem geradezu aberwitzigen Zug eröffnet, einem Zug, der ihn gegenüber dem Titelträger sofort in einen - wahrscheinlich entscheidenden - Nachteil bringt.

Man muss sich das vorstellen: Der Mann hat jahrelang zäh gearbeitet, sich von Turnier zu Turnier durchgekämpft, bis er diese einmalige Chance erhält - und dann vergeudet er sie, indem er seinen Damenspringer auf das Feld a3 stellt: auf den Rand des Bretts, von wo er kaum etwas bewirken kann. "Springer a3" sollte die Geschichte denn auch heißen. Sie sollte nicht zuletzt die Nöte vor dem Spiel beschreiben, die Anspannung, das Bangen, freilich auch die Erleichterung, wenn die Partie sich günstig entwickelte und der Erfolg sich abzeichnete, den stillen Triumph, wenn der Gegner die Uhr anhielt und die Hand zur Gratulation über das Brett reichte.

Im Wesentlichen aber ging es mir um etwas anderes, etwas ziemlich Hochgestochenes: Mein Großmeister sollte mit seinem provokanten Zug weniger gegen die Strapazen protestieren, denen das Schach seine Liebhaber unterzieht. Ich wollte vielmehr durch seinen widersinnigen Akt die Verzweiflung des Menschen demonstrieren, dem die Welt zwar unendlich viele Möglichkeiten anbietet, der aber gleichwohl genötigt ist, sich für etwas ganz Bestimmtes zu entscheiden und anderes, so vieles andere zu lassen, wenn er nicht etwas "Falsches" tun will.

Zu dieser Zeit hatte ich meine ersten Semester bei dem Münchner Philosophen Aloys Wenzl schon hinter mir. Ich kultivierte den Zweifel, ob es überhaupt möglich war, das Wahre zu erkennen und das Richtige zu tun.



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