Schaden durch Raubkopien
Musikindustrie leidet unter Internet und Konsumflaute

Negativtrend des Vorjahres setzt sich im ersten Quartal 2000 fort.

HB HAMBURG. Noch kein Silberstreif am Horizont: Auch für das laufende Jahr erwartet die deutsche Musikindustrie, dass sich der Abwärtstrend des Vorjahres fortsetzen wird. 1999 waren die Umsätze um 2,9 % gesunken. Dieser Trend verfestige sich auch nach Analyse der Zahlen des ersten Quartals 2000, erklärte Thomas Stein, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft e.V. und Vorsitzender der deutschen Geschäftsführung des zur Bertelsmann AG gehörenden Musikmultis BMG Entertainment. Nach bereits im März veröffentlichten Zahlen betrug der Umsatz der Branche 1999 rund 5,18 Mrd. DM, der Verband repräsentiert davon nach eigenen Angaben gut 94 %.

Vor allem das eingetrübte Konsumklima belastet den Absatz von Tonträgern - im Gegensatz zu den USA etwa, wo Musik- und Gesamtwirtschaft spürbar wachsen. Die Ausgaben-Zurückhaltung hierzulande begünstigt zudem das Raubkopieren, das kinderleicht per CD-Rekorder funktioniert: "Auf jede dritte verkaufte CD kommt eine selbst gebrannte", klagte Bernd Dopp, Geschäftsführer von WEA records, am Donnerstag auf der Jahrespressekonferenz der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg. Den Schaden durch Online-Piraterie allein in Deutschland beziffert der Verband für 1999 auf 140 Mill. DM.

Ein Bündel von verschiedenen Maßnahmen soll die wirtschaftlichen Grundlagen sichern. Einerseits soll das elektronisches Filtersystem RPS durchgesetzt werden, mit dem der Zugriff auf (bekannte) Web-Seiten mit illegalen Musikstücken unterbunden werden kann.



Phonoindustrie setzt auf EU-Gesetzgebung

Andererseits sollen schnell die politischen Rahmenbedingungen für den legalen Web-Musikverkauf EU-weit durchgesetzt werden. Doch Brüssel entscheidet zu langsam, monieren die Branchenvertreter. Die Infrastruktur für eigene kommerzielle Web-Auftritte ist schon längst gelegt: BMG-Chef Stein: "In zwei bis drei Monaten starten wir mit dem Download von Musik."

Vehement wehrt man sich gegen Pläne, das "unbeabsichtigte", technisch motivierte Zwischenspeichern illegaler Musik in sogenannten "Cache-Speichern" straffrei zu machen. Dann werde der Druck von den Providern genommen, nach illegalen Inhalten zu suchen.

Letztlich soll auch eine neue Image-Kampagne das Verständnis in der Bevölkerung für die Aufgaben der Musikindustrie erhöhen. In den vergangenen Jahren habe sich hier ein enormes Kommunikationsdefizit aufgebaut, wird eingeräumt. Im Vorfeld der Popkomm in Köln ist beispielsweise eine eigene Online-Musikmesse "Webkomm" geplant (17. bis 19. August).

Begrüßt wird die Klage der Heavy-Metal-Band Metallica, die gegen die Napster.com vorgeht und eine Liste mit über 300 000 Napster-Nutzern eingereicht hat, die illegal Metallica-Musik getauscht haben sollen. Die Tauschbörse Napster soll, ein juristisch schwieriger Vorgang, stellvertretend bereits für die Bereithaltung einer Internet-Software zum illegalen Musiktausch haftbar gemacht werden, obwohl auf Napster-Servern kein einziges Musikfile zu finden ist. Bislang sind ähnliche Vorstöße vor US-Gerichten gescheitert. Trotzdem steht für Martin Schaefer von der Verbandsgeschäftsführung fest: "Was auch kommt, wir werden nichts davon fatalistisch hinnehmen."

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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