Schaden für Finanzplatz Frankfurt denkbar
Der direkte Draht zur Londoner City

Die Deutsche Bank kämpft in Brüssel in der Frage der Internationalisierung von Wertpapiergeschäften an der Seite der britischen Geldinstitute. Weitere Gefechte mit dem Rest der deutschen Branchenvertreter zeichnen sich schon ab.

BRÜSSEL. Wenn Josef Ackermann im vornehmen Brüsseler Club Cercle Royal Gaulois zum Empfang lädt, dann gibt er sich ganz global. Selbstverständlich redet der Vorstandssprecher der Deutschen Bank englisch. Natürlich vergisst er nicht zu erwähnen, dass die Deutsche Bank "65 Prozent ihrer Erträge außerhalb Deutschlands erzielt". Unbeirrt beantwortet er selbst die auf Deutsch gestellten Fragen in der Sprache der Londoner City, wo er einen Großteil seines Investmentgeschäfts abwickelt.

Nicht alle Gäste im Cercle Royal Gaulois sind von dieser ausgeprägten Anglophilie begeistert. "Eine affige Veranstaltung", sagt einer, "denn das Publikum hier ist ja überhaupt nicht international". In der Tat haben sich überwiegend Deutsche unter den riesigen Kronleuchtern im Festsaal versammelt. Von den zahlreichen Brüsseler Statthaltern der anderen deutschen Kreditinstitute lässt sich an diesem Abend allerdings kaum jemand blicken.

Vielleicht ist das Zufall, vielleicht aber auch nicht. Distanz wird jedenfalls immer spürbar, sobald bei den EU-Lobbyisten der deutschen Finanzwirtschaft die Rede auf die Nummer eins der Branche kommt. "Die Deutsche Bank spielt hier ganz klar eine Sonderrolle", sagt Henning Schoppmann, der die EU-Vertretung des Bundesverbandes der Öffentlichen Banken leitet.

Mit Respekt und vielleicht auch ein wenig Neid blicken die anderen auf das größte deutsche Geldhaus, denn seine Lobbyarbeit bei der EU ist hochprofessionell. Die Deutsche Bank verfügt über glänzende Kontakte zur EU-Kommission und zum Europaparlament. Kein anderes Kreditinstitut platziert seine Leute so geschickt in wichtigen Brüsseler Gremien. Chefvolkswirt Norbert Walter ist Mitglied des EU-Ausschusses, der die Fortschritte der europäischen Finanzmarktintegration überwacht. Aufsichtsratschef Rolf-E. Breuer gehört einer einflussreichen Expertenrunde an, die sich um technische Details bei der EU-Börsengesetzgebung kümmert.

Diese Übermacht erfüllt die EU-Vertreter anderer deutscher Kreditinstitute mit Unbehagen. Sie mussten nämlich feststellen, dass sich die Deutsche Bank nicht unbedingt um den deutschen Finanzplatz schert. "Die Interessen der Deutschen Bank als großer internationaler Finanzdienstleister decken sich häufig mit der britischen Position", meint Jochen Grünhage, EU-Bevollmächtiger des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, und fügt hinzu: "Das gilt zum Beispiel für die Internalisierung von Wertpapiergeschäften." In dieser Streitfrage arbeitet der Marktführer ganz offen gegen den Rest der deutschen Geldbranche. Gemeinsam mit britischen und amerikanischen Investmenthäusern will die Deutsche Bank erreichen, dass die EU den bankinternen Handel mit Wertpapieren ohne großes Federlesens erlaubt. Alle anderen deutschen Geldinstitute wollen den außerbörslichen Handel dagegen mit strengen Offenlegungsvorschriften regulieren und damit eindämmen.

Auch bei anderen Themen offenbart die Deutsche Bank ihre angloamerikanische Kultur. So weigerte sich Ackermann, einen Protestbrief der Geldwirtschaft gegen einen strittigen Passus des neuen EU-Bilanzstandards IAS (International Accounting Standard) zu unterzeichnen. Grund: Die Deutsche Bank bilanziert nach US-Gaap, und der amerikanische Standard enthält genau jene umstrittene Vorschrift, die nun auch in der EU gelten soll.

Weitere Gefechte zwischen dem führenden deutschen Geldhaus und dem Rest der Branche zeichnen sich schon ab. Auslöser sind Pläne des zuständigen EU-Kommissars Frits Bolkestein, das Privatkundengeschäft in der EU zu harmonisieren. Der Sparkassen- und Giroverband ist alarmiert. "Im lokalen und regionalen Privatkundengeschäft brauchen wir keine identischen Vorschriften von Finnland bis Zypern", sagt Sparkassen-Vertreter Grünhage.

Der Repräsentant der Deutschen Bank in Brüssel, Rainer W. Boden, hält dagegen: "Je mehr Hindernisse die Kommission im grenzüberschreitenden Geschäft niederreißt, desto mehr Konkurrenz kommt von außen. Das erklärt so manche Abwehrreaktionen." Lobbyist Boden kann den Dingen gelassen entgegensehen, denn er hat in den großen britischen Geldinstituten einflussreiche Verbündete gefunden. "Die Londoner City steuert die britischen Abgeordneten im Europaparlament direkt. Deutsche EU-Abgeordnete haben dagegen keinen direkten Draht nach Frankfurt", meint der Landesbanken-Vertreter Schoppmann.

Auch beim liberalen EU-Kommissar Bolkestein finden die britischen Banken oft ein offenes Ohr. Sparkassen-Lobbyist Grünhage beobachtet das mit Sorge. "Bolkestein will einen europäischen Finanzmarkt nach amerikanischem Modell. Eigenständige Regionalbanken haben im angelsächsischen System aber keinen Platz", sagt er.

So sehr das einträchtige EU-Lobbying der Deutschen Bank mit den Briten der Londoner City nützt, so sehr könnte es dem Finanzplatz Frankfurt schaden. "Die Bundesregierung sollte endlich einmal eine Strategie für Frankfurt entwickeln", fordert der EU-Abgeordnete Alexander Radwan (CSU). Die neue EU-Ausschuss für Bankenaufsicht müsse unbedingt nach Frankfurt, verlangt Lobbyist Schoppmann.

Doch dieser Kampf scheint schon verloren. In Brüssel gilt es als nahezu sicher, dass der wichtige EU-Bankenausschuss in der britischen Hauptstadt angesiedelt wird. Die Deutsche Bank hat damit kein Problem. Lobbyist Boden: "Im Finanzdienstleistungsgewerbe gibt es einen Schwerpunkt, und das ist London".

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