Schadensbegrenzung
Lebensmittelskandal trifft erstmals Öko-Branche

Die Öko-Branche sieht sich Vorwürfen der Vertuschung ausgesetzt, ihr droht ein massiver Vertrauensverlust.

dpa BERLIN/HANNOVER. Mit dem BSE-Schock war Ende 2000 der Gipfel aller Lebensmittelskandale in Deutschland erreicht - nun sollte vieles anders werden. Das Landwirtschaftsressort wurde in Verbraucherschutzministerium umbenannt und erstmals mit einer grünen Ministerin besetzt. Renate Künast rief die Agrarwende aus: Sie wollte eine Abkehr von den Agrarfabriken, die Landwirtschaft sollte auf Öko getrimmt werden. Jetzt hat Deutschland einen neuen Lebensmittelskandal - und er trifft ausgerechnet Künasts Hoffnungsträger.

Angesichts der ungeheuerlichen Vorgänge könnte nun auch den Käufern von Bio-Lebensmitteln der gesunde Appetit vergehen. Geflügel in Naturland- und Bioland-Betrieben wurde mit Weizen gefüttert, der möglicherweise mit dem giftigen Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen verseucht war. Eier und wohl auch Fleisch des betroffenen Geflügels landeten aller Wahrscheinlichkeit nach in der Ladentheke.

Noch ist unklar, wie der verbotene Stoff in den Weizen kam. Doch der eigentliche Skandal ist, dass die Öffentlichkeit über Monate hinweg nicht informiert wurde: Laut Naturland gab es erste Funde für Nitrofen in Geflügelfleisch "offenbar bereits Ende Januar", im März lagen die Analysen vor. Das Verbraucherschutzministerium erfuhr erst am vergangenen Dienstag durch einen "unkonkreten Hinweis" davon. Da habe wohl jemand gedacht, "er könne etwas vertuschen", wetterte Künast.

Ministerium reagierte umgehend

Ihr Ministerium reagierte umgehend - schließlich wollte man sich nicht erneut dem Vorwurf ausgesetzt sehen, brisante Informationen zu verschleppen. Anfang des Jahres hatte es immerhin 13 Tage gedauert, bis eine Warnmeldung aus Holland über verseuchte Fischabfälle, die nach Cuxhaven gelangt waren, die Instanzen des Ministeriums durchlaufen hatte. Zwei Mitarbeiter wurden strafversetzt, Künast soll getobt haben. Schließlich wollte sie bei ihrem Amtsantritt genau das verhindern, was zum Sturz ihres Vorgängers Karl-Heinz Funke (SPD) auf dem Höhepunkt der BSE-Krise beigetragen hatte: die Verschleppung von wichtigen Warnmeldungen über Gesundheitsgefahren für den Verbraucher.

Diesmal gab das Verbraucherschutzministerium die brisanten Informationen "nach eintägiger Recherche" am Donnerstag an das Agrarministerium in Niedersachsen weiter - dort sitzt der Betrieb, der den fraglichen Weizen vertrieben hat. Landesagrarminister Uwe Bartels (SPD) schaltete die Staatsanwaltschaft ein und erhob schwere Vorwürfe gegen die Lebensmittelproduzenten: Diese hätten versagt und erzählten zudem noch die Unwahrheit, sagte er der "Neuen Presse". Es sei "völlig unglaubwürdig", dass die Öko-Betriebe nicht gewusst hätten, dass sie möglicherweise Nitrofen-verseuchtes Getreide verfütterten. Sie hätten das Vertrauen in Öko-Produkte auf's Spiel gesetzt.

Geschlossene Öko-Kette

Tatsächlich handelt es sich bei der unseligen Geschichte quasi um eine geschlossene Öko-Kette, an dem Skandal scheint kein einziges konventionelles Agrarunternehmen beteiligt zu sein: Als wahrscheinlicher Hersteller des belasteten Weizens gilt ein Unternehmen in Brandenburg - zertifiziert nach der EU-Öko-Verordnung. Der Vertreiber in Niedersachsen schmückt sich mit einem Öko- Zertifikat von Naturland. Auch die Geflügelbetriebe sind allesamt durch Bioland- oder Naturland zertifiziert.

Naturland-Geschäftsführer Gerald Herrmann ist nun um Schadensbegrenzung bemüht. Der Öko-Landbau habe großes Interesse an der Aufklärung der Vorgänge, schließlich habe Naturland selber den Stein ins Rollen gebracht und das Verbraucherschutzministerium sowie die Öffentlichkeit vergangene Woche informiert. Die Angelegenheit sei ein schwerer Schlag für die Öko-Landwirtschaft, sagt Herrmann. Und fügt fast flehentlich hinzu: "Ich kann nur jeden Verbraucher bitten, dem Öko-Landbau weiter Vertrauen zu schenken."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%