Schadensersatz-Belastungen möglicherweise geringer als erwartet
Bayer räumt mehr als 1 000 Zwischenfälle mit Lipobay ein

In weltweit mehr als 1 000 Fällen steht das Medikament Lipobay unter Verdacht, bedrohliche Nebenwirkungen verursacht zu haben. Dennoch gilt das Schadensersatz-Risiko für Bayer als überschaubar.

FRANKFURT/M. Von den bedrohlichen Nebenwirkungen, die mit dem Bayer-Medikament Lipobay in Verbindung gebracht werden, waren weit mehr Patienten betroffen, als es die bisher bekannte Zahl von 52 Todesfällen nahe legt. Weltweit sind schon rund 1 100 Fälle von Muskelschwund (Rhabdomyolyse) gemeldet, bei denen der Verdacht eines Zusammenhangs mit der Einnahme von Lipobay besteht. Das geht aus einem Bericht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hervor, dessen Angaben Bayer gestern bestätigte. Dennoch könnte der Leverkusener Konzern im Hinblick auf Schadensersatz-Klagen nach Auffassung vieler Experten mit einem blauen Auge davonkommen.

Allerdings driften die Einschätzungen über die Höhe der Schadenssumme noch weit auseinander. So verweisen Analysten der Deutschen Bank auf Berechnungen von US-Anwälten, die von zwei bis drei Mrd. $ Schadensersatz ausgehen. Davon könne jedoch ein erheblicher Teil auf den Bayer-Vertriebspartner Glaxo entfallen. Die US-Investment- Bank Lehman Brothers sieht in einer aktuellen Studie die möglichen Belastungen hingegen bei weniger als 200 Mill. $.

In Deutschland registrierte man seit Zulassung des Medikaments Ende 1997 insgesamt 91 Fälle von Muskelschwund in Verbindung mit Cerivastatin, der aktiven Substanz von Lipobay. Sieben der betroffenen Patienten sind daran gestorben. Doch hält das Bundesinstitut nur bei drei dieser Todesfälle einen ursächlichen Zusammenhang mit der Einnahme von Lipobay für möglich. Bayer nahm das Medikament Anfang August vom Markt, nachdem sich eine auffällige Häufung von Nebenwirkungen offenbart hatte. Der Ausfall seines im ersten Halbjahr bereits zweitwichtigsten Pharmaproduktes stürzte den Konzern in eine Krise. Bayer - Chef Manfred Schneider kündigte daraufhin an, die gesamte Konzernstrategie zu überprüfen.

Sowohl in den USA als auch in Europa haben mehrere Anwälte Klagen gegen Bayer angekündigt. Bei Medizinern und Analysten gilt es jedoch als sehr unwahrscheinlich, dass sich daraus eine ähnliche Dimension wie bei American Home Products entwickelt. Der US-Konzern hatte nach dem Rückruf eines Medikaments mehr als 12 Mrd. $ für Schadensersatzklagen zurückstellen müssen.

Einen gewissen Schutz vor Schadensersatzansprüchen biete die Tatsache, dass Bayer vor Nebenwirkungen auf den Beipackzetteln gewarnt habe. Ärzte verweisen zudem darauf, dass der Muskelzerfall eine akut auftretende Erkrankung ist, die bei rechtzeitiger Behandlung wieder ausheilt. Es sei daher fast ausgeschlossen, dass noch eine Welle bisher nicht erkannter Schäden auftauche, meinte der Freiburger Herzspezialist Professor Christian Holubarsch. Bayer kündigte unterdessen an, im September einen umfassenden Bericht zu Nutzen und Risiken von Lipobay vorzulegen.

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