Schadensersatzansprüche könnten auf mehr als 200 Milliarden Dollar steigen
Asbest-Klagewelle schwappt nach Europa

Anwälte nehmen Unternehmen ins Visier, die nur am Rande mit Asbest zu tun haben. Auch deutsche Firmen sind davon betroffen.

ali/mjh/ tom DÜSSELDORF. Die Asbestklagemaschine in den USA läuft schon seit Anfang der 80er Jahre auf Hochtouren. Inzwischen ernährt sie ein Heer von Anwälten, Ärzten, Wissenschaftlern und Versicherungsspezialisten.

Anwaltskanzleien wie die Washingtoner Ashcroft & Gerel werben gezielt mit ihrem Know-how in Sachen Asbest: Nicht nur Menschen, die im Job mit Asbest in Berührung gekommen sind, seien in Gefahr, sondern auch ihre Angehörigen: Schon das Reinigen von Asbest verseuchter Kleidung, warnt die Kanzlei, könne krank machen

.

Die schwedisch-schweizerische ABB droht jetzt das prominenteste Opfer der steigenden Zahl von Asbestklagen zu werden. In Deutschland sind Daimler-Chrysler, Bayer, Fresenius Medical Care, Allianz und Münchener Rück mit Klagen konfrontiert, obwohl sie nur am Rande etwas mit der Problematik zu tun haben.

"Der Konsumentenschutz hat im US-Recht einen sehr hohen Stellenwert", erklärt Graf Friedrich von Westfalen, ein Experte für Produkthaftung. Unkalkulierbar sei vor allem, dass den Klagen kein Zeitlimit gesetzt sei. So können deutsche Unternehmen heute mit Fällen konfrontiert werden, die bereits 40 Jahre zurückliegen.

Das Heimtückische an Asbest: Es kann Jahrzehnte dauern, bis bei Menschen, die aufgewirbelte feinste Asbestfasern eingeatmet haben, tödliche Krebserkrankungen ausbrechen. Allein in den USA sterben jährlich 3 000 Menschen an den Folgen von Asbest.

Grundlage der Klagen ist der Vorwurf, dass Hersteller und Verwender trotz der lange bekannten Gefahren nichts dagegen unternommen haben, dass ihre Mitarbeiter mit Asbest in Berührung gekommen sind.

600 000 Kläger haben US-Unternehmen bislang auf 54 Mrd. Dollar verklagt, rund 20 Mrd. Dollar wurden bereits an Kläger und Anwälte gezahlt. Tillinghast Towers Perrin malt ein Horrorszenario an die Wand: Die Unternehmensberatung befürchtet, dass die Zahl der Klagen auf 2,5 Millionen steigen kann. Stephen Breyer, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, geht davon aus, dass inzwischen bereits rund die Hälfte der Klagen von Personen eingereicht wird. , die "nur wenig oder gar nicht physisch beeinträchtigst sind".

Das unabhängige US-Forschungsinstitut Rand hat ermittelt, dass bereits 60 US-Unternehmen aufgrund von Zahlungen an Asbest-Opfer Insolvenz anmelden mussten. Betroffen von der Klageflut sind längst nicht mehr Unternehmen, die früher Asbest hergestellt oder die leicht zu verarbeitende, hitze- und säurebeständige Mineralfaser weiter verarbeitet haben: Hersteller von Klimaanlagen, Baukonzerne, Baustoffproduzenten, Bremsen- und Kupplungshersteller Chemiekonzerne, Schiffs- und Anlagenbauer. Bayer etwa steht am Pranger, weil ihre US-Tochter Bayer Corp. Eigentümer von Gebäuden ist, bei deren Bau Asbest verwendet wurde.

Die Schadensersatzklagen in den USA und Europa kosten die Versicherer 200 bis 275 Mrd. Dollar, schätzt die Ratingagentur Fitch. Davon fallen 55 bis 70 Mrd. Dollar auf US-Versicherer, 30 bis 62 Mrd. Dollar auf Versicherer in Europa und Asien. Wegen der Lasten aus Asbestklagen musste zum Beispiel die Allianz ihre US-Tochter Fireman?s Fund mit einer Kapitalspritze aushelfen. Der berühmte Londoner Versicherungsmarkt Lloyd?s wäre fast wegen Asbestklagen zusammengebrochen. In Deutschland ist die Situation grundsätzlich anders: Hier übernehmen die Berufsgenossenschaften als gesetzliche Unfallversicherer die Ansprüche von den Arbeitgebern. Experten rechnen aber mit weiter steigenden Ansprüchen gegen Arbeitgeber und ihre Haftpflichtversicherer, da Asbest etwa in den USA noch nicht vollständig verboten ist.

Auch in Deutschland sind die Schäden beträchtlich. Nach Angaben des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG) liegen die Kosten für Asbesterkrankungen bei rund 250 Mill. Euro pro Jahr. 2001 starben 931 Menschen an den Folgen des berufsbedingten Kontaktes mit Asbest.

Quelle: Handelsblatt

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