„Schäm dich, Schröder“
Gewerkschafter vom Bundeskanzler enttäuscht

Einen gewissen Mut wollten selbst die Gewerkschafter dem Bundeskanzler nicht absprechen. "Ich danke Gerhard Schröder, dass er nicht gekniffen hat", sagte ein DGB-Funktionär nach dem Auftritt des Regierungschefs bei der zentralen Mai-Feier des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Neu-Anspach bei Frankfurt am Main.

HB/dpa NEU-ANSPACH. In der heimeligen Fachwerkromantik des Freilichtmuseums Hessenpark hatte der Bundeskanzler am Tag der Arbeit keinen leichten Stand: Pfiffe, Buh-Rufe und Trommelschläge begleiteten seine 20- minütige Rede, auf Plakaten stand "Schäm dich, Schröder" oder "Schröder asozialer Desperado". Viele der etwa 7000 Besucher vermissten den Mut, den Vermögenden und Arbeitgebern etwas abzuverlangen - und vor allem Anzeichen für ein mögliches Einlenken bei der umstrittenen "Agenda 2010".

Mit lauter, immer heiserer Stimme und kämpferisch erhobener Hand machte der Kanzler den Gewerkschaften klar: Abstriche an seinem Programm wird es nicht geben. Ob Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, Kürzungen bei der Bezugsdauer des Arbeislosengeldes oder Änderungen beim Krankengeld - in keinem Punkt deutete Schröder Kompromissbereitschaft an. Die Agenda 2010 habe ein einziges Ziel - Deutschland fit zu machen, um den "enormen Veränderungen" begegnen zu können. "Wer glaubt, es reicht aus, an Althergebrachtem festzuhalten, verkennt die Herausforderungen", rief er de Leuten von ver.di, IG Metall und Co. zu. Die Proteste der Gewerkschaften entbehrten jeder realen Grundlage; wer pfeife, statt auf Argumente zu hören, habe "wenig im Kopf".

DGB-Chef Michael Sommer, keineswegs als Anheizer bekannt, kam nach diesem Affront nicht umhin, dem Kanzler noch einmal sehr eindringlich alle Anliegen der Gewerkschaften von A wie Ausbildungsplatzabgabe bis Z wie Zuschüsse zu Investitionen aufzulisten. Die Botschaft an den "lieben Gerhard" war klar: "Es kann nicht nur um die Änderung von Details gehen. Was wir wollen ist nicht der Abbau des Sozialstaates, sondern ein sozial gerechter Umbau." Sollte Bundeskanzler Schröder dies weiter ignorieren, drohte Sommer mit einer härteren Gangart. "Täuscht Euch nicht, wir sind konsequent", kündigte er unter dunklem Wolkenhimmel an. Zu einer guten Politik sagten die Gewerkschaften immer Ja, die "Agenda 2010" sei aber das Gegenteil davon.

Die bunte Menschenschar auf dem Marktplatz im Hessenpark mit roten Mützen, Luftballons und Fahnen war nach dem 45-minütigen Schlagabtausch zwischen Schröder und Sommer größtenteils enttäuscht. Ein örtliches DGB-Mitglied meinte: "Ich war überrascht, dass er keinen Schritt zurück gemacht hat." Eine junge Frau schimpfte: "Das waren doch nur Gemeinplätze, wir brauchen aber Arbeitsplätze." Eine Vertreterin der Organisation attac sagte: "Das hat sich zwar alles sehr schön angehört, hatte aber nichts mit der realen Politik zu tun."

Eine ältere kaufmännische Angestellte empörte sich: "Das ist doch eine soziale Schweinerei, was Schröder vorhat. Für diese Konzepte haben wir doch die CDU und die FDP, dafür brauchen wir keine sozialdemokratische Partei." Sie sei noch nicht Mitglied einer Gewerkschaft, überlege aber, ob sie jetzt eintrete.

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