Schätzungen der Kriegskosten variieren stark: Angst vor neuer Welt-Rezession

Schätzungen der Kriegskosten variieren stark
Angst vor neuer Welt-Rezession

Ökonomen fürchten durch den Ausbruch des Irak-Kriegs ein Abgleiten der Weltwirtschaft in die Rezession. "Die Gefahr ist auf jeden Fall da", sagt der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Wolfgang Wiegard, dem Handelsblatt.

asr/noh/ost DÜSSELDORF. Der Rat hatte jüngst die volkswirtschaftlichen Risiken eines Irak-Kriegs berechnet und vor "erheblichen Belastungen für die wenig robuste Weltkonjunktur gewarnt. "Alles hängt am Ölpreis und der US-Konjunktur", sagt Wiegard. Während des Golfkriegs 1991 stieg der Ölpreis kurzfristig von 23 auf 33 Dollar, gab dann aber rasch wieder nach und stabilisierte sich auf niedrigerem Niveau.

Ein Ölpreis von 35 Dollar über vier Quartale würde weltweit die Inflationsrate im ersten und zweiten Jahr um je einen halben Prozentpunkt erhöhen, schätzt der Rat. Dadurch sinken die Realeinkommen, das schwächt den Konsum. Zudem dürften Verbrauchervertrauen und Investitionsbereitschaft leiden und würde die Staatsverschuldung steigen. Alles in allem sei zwei Jahre mit einem global um 0,3 Punkte geringeren Wachstum zu rechnen.

Dies dürfte freilich eine "eher optimistische Schätzung" sein, meint Wiegard und stützt sich dabei auf Studien von US-Volkswirten. So hält George L. Perry vom Washingtoner Think Tank Brookings Institution in einem Worst-Case-Szenario einen Ölpreis von 161 $ für möglich - dies würde das US-Bruttoinlandsprodukt um 4,6 % drücken. Allein wenn lediglich die Ölförderung vom Irak und von Iran ausfiele, würde dies den Ölpreis auf 75 $ zutreiben, sagt der Chef-Volkswirt von Lehman Brothers, John Llewellyn.

Ähnlich stark wie die Schätzungen zum Ölpreis unterscheiden sich auch Prognosen über die Kosten des Irak-Kriegs. Llewellyn schätzt die Kosten im Falle eines schnellen Kriegs auf 75 Mrd. Dollar, im Szenario eines längeren Kriegs und einer lange anhaltenden Besetzung des Iraks durch US-Truppen auf 250 Mrd. bis 500 Mrd. Dollar. Falls sich der Konflikt auf die Region ausbreite, seien Schätzungen kaum möglich. Für denkbare Größenordnungen verweist Llewellyn darauf, dass der Vietnamkrieg über sechs Jahre gerechnet den USA Kosten in Höhe von 12 % des BIP verursacht habe.

Deutlich optimistischer in Bezug auf die Kriegskosten ist die US-Regierung. So kanzelte ein US-Regierungssprecher die Schätzung des Ex-Regierungsberaters Larry Lindsey, der die Kosten eines Irak-Feldzugs mit 100 bis 200 Mrd. Dollar veranschlagte, als "sehr, sehr hoch" ab.

Kein Wunder, meint William D. Nordhaus vom amerikanischen National Bureau of Economic Research. Politiker spielten die Kriegskosten systematisch herunter. Wenn sich die Prognosen während des Kriegs als zu optimistisch erweisen, sei es einfacher, mehr Geld bewilligt zu bekommen als im Vorfeld. Der Ökonom schätzt die volkswirtschaftlichen Kosten - je nach Kriegsverlauf - für die US-Wirtschaft auf 99 bis 1 924 Mrd. Dollar.

Bei der optimistischen Variante stehen den direkten Militärausgaben und den Kosten für die Besetzung, Befriedung und den Wiederaufbau des Iraks sowie für humanitäre Hilfe von insgesamt 156 Mrd. Dollar volkswirtschaftliche Gewinne in Höhe von 57 Mrd. Dollar gegenüber. Auf der Habenseite sei vor allem der mittelfristig niedrigere Ölpreis zu verbuchen. Doch ob es tatsächlich nur zu einem kurzen Krieg kommt, hält der Wirtschaftsweise Wiegard für "sehr fraglich". Selbst US-Präsident George W. Bush hatte gestern eingestanden, "ein Krieg im harten Terrain eines Landes von der Größe Kaliforniens könnte länger und schwieriger sein, als einige voraussagen".

Auch eine rasche Erholung der Weltkonjunktur nach einem raschen Kriegsende wird von immer mehr Volkswirten bezweifelt: "Die Entwicklung der Weltwirtschaft hängt längst nicht nur vom Ausgang des Kriegs ab," sagte Jim O?Neill, Volkswirt bei Goldman Sachs gestern auf der CES-Ifo Spring Conference in Berlin. Pessimistisch äußerte sich auch Stephen Roach von Morgan Stanley: Er rechnet nicht mit einer Erholung nach Kriegsende. Grund für den Pessimismus: Die weltpolitischen Risiken blieben auch nach einem US-Sieg über den Irak bestehen. Zudem sei der Ölpreis zuletzt nicht nur wegen des drohenden Irak-Kriegs gestiegen, sondern auch wegen der starken Öl-Nachfrage aus China und des Streiks in Venezuela.

Zudem würden die fundamentalen Probleme der Weltwirtschaft durch den Krieg nicht gelöst: Durch das Platzen der Börsen-Blase hätten sich sowohl in Europa als auch in den USA die geldpolitischen Bedingungen deutlich verschlechtert. "Das Beste, was uns nach einem Ende des Irak-Kriegs passieren könnte, wäre eine Rally an den Aktienmärkten", sagte O? Neill. Er rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum der US-Wirtschaft von 2 % - und das nur, wenn "alles gut geht".

Die Lehman Brothers-Experten geben ihre Konjunkturprognosen mit extremen Unsicherheitsmargen an: Wahrscheinlich werde das US-BIP 2004 zwischen 0,2 und 5,2 % wachsen. Für den Euro-Raum beträgt die Spanne 0,0 bis 3,6 % - derartige Differenzen sind unüblich.

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