Schalke 04 verpflichtet mit Frank Neubarth einen Regionalliga-Trainer
Der Schweigsame kommt

Wenn ein Champions-League-Teilnehmer einen Trainer aus Liga drei verpflichtet, ist dies bemerkenswert. Wenn es sich um Schalke 04 und Rudi Assauer handelt, wird die Personalie hingegen nachvollziehbarer. Der Manager mag offenbar keine großen Namen an seiner Seite.

Was üblicherweise als geheime Kommandosache in der Fußball-Bundesliga vonstatten geht, geschah beim FC Schalke 04 in den vergangenen Tagen quasi in aller Öffentlichkeit. Die Verhandlungen mit einer potenziellen Führungskraft schritten dennoch zügig voran. Und schließlich wussten alle, dass Frank Neubarth vom 1. Juli an neuer Trainer der Gelsenkirchener wird. Seit gestern Nachmittag ist dies auch offiziell, und heute soll der 39-Jährige, der einen Vertrag bis zum 30. Juni 2004 erhält, auf Schalke vorgestellt werden.

So ungewöhnlich der öffentliche Umgang mit der Personalie Neubarth, so ungewöhnlich ist auch die Verpflichtung als solche. Der Champions-League-Teilnehmer aus dem Ruhrgebiet kauft einen Regionalliga-Trainer ein, der in dieser Saison mit den Amateuren von Werder Bremen schon gegen Fußball-Größen wie den SC Verl oder Preußen Münster bestehen musste. Neubarth ist freilich kein unbeschriebenes Blatt. Er kann auf jede Menge Bundesliga-Erfahrung als Spieler verweisen und nicht zuletzt auf das Durchlaufen der Schule von Trainer-Altmeister Otto Rehhagel.

Am Samstag legte der Coach bei seiner Rückkehr aus dem Skiurlaub einen Zwischenstopp in Gelsenkirchen ein, um mit dem Schalker Führungsgremium zu verhandeln. Aus dem Fenster der Gaststätte "Zum Schalker" konnte Neubarth sehen, wie sein zukünftiges Team unter Noch-Trainer Huub Stevens den Oberligisten Wuppertaler SV in einem Testspiel mit 7:1 besiegte. Am Montag reiste er erneut nach Schalke und verhandelte weiter.

Einer mit Grips in der Birne

Schalke-Manager Rudi Assauer lobte Neubarth, den er 1994 schon einmal als Spieler holen wollte, "als einen mit Grips in der Birne". Teammanager Andreas Müller bezeichnete den früheren Stürmer, der für Bremen 317 Bundesligaspiele bestritt und 97 Tore schoss, als "intelligent, ruhig und abgeklärt". Der Vorschusslorbeer für den ehemaligen Nationalspieler, der 1988 ein Länderspiel bestritt, dient auch dazu, den Zweiflern im Schalker Umfeld zu begegnen. Ist ein Novize und Amateur-Trainer geeignet, das zuletzt orientierungslos wirkende Starensemble des Vizemeisters und Pokalsiegers auf Vordermann zu bringen? Warum verpflichtet Assauer nicht einen erfahrenen, prominenten Toptrainer, um die gewachsenen Ansprüche beim Champions-League-Teilnehmer zu erfüllen?

Zwar hat Neubarth, den sie auch den "Langen" nennen, die junge Regionalliga-Mannschaft des SV Werder, die der ehemalige Jugendcoach nach dem Aufstieg von Thomas Schaaf zum Bremer Cheftrainer 1999 übernahm, erfolgreich betreut. Doch wurde sein zur Jahresmitte auslaufender Vertrag nicht verlängert - angeblich weil er seine Aufgabe als Koordinator für den gesamten Nachwuchsbereich nicht zufriedenstellend gelöst hat.

Doch Neubarth hat auch kein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich in die Bundesliga zurücksehnte. Nun bietet sich ihm eine ganz große Chance. "Ich habe eine neue Herausforderung gesucht. Schalke ist ein Superverein mit einer tollen Mannschaft, einem traumhaften Stadion und sensationellen Fans", so der Stevens-Nachfolger. "Es gibt nicht viele Vereine, die den Mut haben, einem jungen Trainer eine Chance zu geben", fügte Neubarth, den sein Entdecker Otto Rehhagel früher "Sokrates" nannte, an. Und dabei hatte der damalige Werder-Coach nicht den gleichnamigen, ebenfalls hochgewachsenen brasilianischen Nationalspieler im Sinn. Weil der künftige Schalker Trainer, der in seiner Zeit als Profi einen Fernstudiengang belegt und lieber Schach statt Skat gespielt hatte, zu den intelligentesten Werder-Spielern gehörte, dachte Rehhagel eher an den alten griechischen Philosophen.

Neubarth ist kein Mann der großen Worte

"Ich weiß, dass ich nichts weiß" dürfte aus Neubarths Mund allerdings kaum zu hören sein. Der Hanseat gilt als Mann, der weiß, was er will und wie er seine Ziele erreichen kann. Beim SV Werder sagt man, im Umgang mit der neuen, zur Selbstgefälligkeit neigenden Profigeneration könne Neubarth auch "Schwein sein". Insofern passt er durchaus in die Fußstapfen von Stevens.

Der knorrige Niederländer, der 1996 bei seinem Wechsel von Roda Kerkrade zu Schalke ebenfalls ein unbeschriebenes Blatt in der Bundesliga war, hat sich wegen der Art und Weise, in der er seinen Wechsel zu Hertha BSC Berlin einfädelte, bei den Königsblauen sehr unbeliebt gemacht. Seine Versicherung, erst kürzlich mit den Berlinern die Verhandlungen um die Nachfolge von Jürgen Röber aufgenommen zu haben, zweifelt Manager Assauer an. Dass man inzwischen erleichtert ist, den launischen Stevens bald los zu sein, ließ auch Müller erkennen. Was die Persönlichkeitsstruktur betreffe, sei Neubarth dem aktuellen Schalker Trainer zwar durchaus ähnlich, meinte der Teammanager. "Aber er kommt besser mit den Medien zurecht", fügte Müller hinzu.

In diesem Punkt könnten sich die Westfalen freilich irren. "Gegenüber Neubarth könnte Thomas Schaaf geradezu als Plaudertasche durchgehen. Neubarth hat als Bundesligaspieler die Öffentlichkeit gemieden - ganz die Rehhagelsche Schule", schrieb der "Weser-Kurier" gestern. Mehr als lapidare Kurzstatements seien von ihm selten zu erwarten. Das mag Assauer gefallen, dem man nachsagt, er wolle keinen profilierten Trainer neben sich haben. Sicher ist, dass der mächtige Schalke-Boss wie bei der Stevens-Verpflichtung Mut zum Risiko beweist. Wobei Neuling Neubarth, den Assauer als damaliger Werder-Manager vor 20 Jahren von Concordia Hamburg nach Bremen holte, auf jeden Fall eine vergleichsweise preiswerte Lösung ist.

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