Scharfe Kritik an Vorschlägen zur Reform bei Börsengängen
Analysten gehen auf Kollisionskurs zur Börse

Die Börse will das Vertrauen der Investoren durch mehr Transparenz und Gleichbehandlung zurückgewinnen. Doch die Analystenvereinigung DVFA sieht durch einige Vorschläge genau diese Ziele in Gefahr.

hof FRANKFURT/M. Kaum hat die Deutsche Börse gestern in Frankfurt ihre neuen Grundsätze für künftige Börsengänge vorgestellt, hagelt es Kritik. Wirtschaftsprüfer wollen nicht noch mehr Verantwortung für Inhalte von Börsenprospekten übernehmen, die Geschäftsführerin der Analystenvereinigung DVFA, Ulrike Diehl, sieht durch den Vorschlag einer Schweigepflicht kurz vor und nach dem Börsengang sogar eine "Öffnung des Marktes für Insider-Informationen".

Dabei wird die Richtung der Vorschläge, die die Deutsche Börse zusammen mit Vertretern von Unternehmen, Banken und Aktionären erarbeitet hat, im Grunde begrüßt. Ziel ist es, eine breitere und gleiche Informationsbasis für Investoren zu schaffen und die Börsenaspiranten enger an die Kandare zu nehmen. Mittel dafür soll der Emissionsprospekt sein, der "die einzig maßgebliche Informationsquelle darstellen soll", wie Rainer Riess, bei der Börse für den Neuen Markt verantwortlich, formulierte. Mehr relevante Informationen sollen im Prospekt stehen und damit auch der Haftung unterliegen. Bisher sei er dagegen als "Enthaftungsinstrument" missbraucht worden, so der für Listing verantwortliche Cord Gebhardt. Die Börse will die neuen Richtlinien nach einer kurzen Diskussionsphase am 1. Juni verbindlich für den Neuen Markt einführen und hofft, dass ein Teil der Vorschläge vom Gesetzgeber aufgegriffen werden und dann auch für den Amtlichen Handel gelten könnten.

Um die Position des Börsenprospekts zu stärken, soll parallel eine Schweigeperiode nach amerikanischen Vorbild eingeführt werden. Danach sollen zwei Wochen vor dem öffentlichen Aktienangebot und 30 Tage nach dem Börsengang keine Analystenstudien mehr verteilt werden dürfen. Riess räumte jedoch ein, "dass es keine Sanktionsmöglichkeiten bei einer Zuwiderhandlung gibt." Außerdem sollen Analysten künftig nur die Informationen erhalten, die auch als Grundlage für den Börsenprospekt dienen. Vier Wochen vor dem Angebot dürfen überhaupt keine relevanten Unternehmensinformationen mehr vom Emittenten herausgegeben werden, die nicht im Prospekt enthalten sind. Dieser wird verbindlich ein Tag vor dem Angebot im Internet veröffentlicht.

Nach Meinung der DVFA wird mit der Schweigeperiode aber keineswegs die Transparenz erhöht, im Gegenteil: Eine solche Blackout-Period erhöhe die Gefahr, dass wenige Ausgesuchte einen Informationsvorsprung erhielten. "Das ist der Versuch einer Kopie amerikanischer Verhältnisse und nicht sinnvoll", argumentiert DVFA-Vertreterin Diehl.

Dass das Beratungskomitee der Börse mit Widerstand rechnet, wurde bereits bei der Vorstellung deutlich: "Es werden viele Haare in der Suppe gefunden werden, doch die Vorschläge sind als Fundament zu verstehen, auf dem aufgebaut werden kann", sagte der Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz Marc Tüngler. Er räumte auch ein, dass "Betrug dadurch nicht vermieden werden kann", betonte aber den präventiven Charakter, den sich die Verantwortlichen versprechen.

Bei der Ächtung von Verstößen wird die Börse jedoch mit dem alten Problem konfrontiert, dass die Möglichkeit der Bestrafung sehr beschränkt ist. Eine strafrechtliche Verfolgung müsse ausgeblendet werden, von Klagen auf Grund der Prospekthaftung sei bislang wenig Gebrauch gemacht worden, sagte Jurist Gebhardt. Die schärfste Sanktion, die die Börse außerhalb des Neuen Marktes hat - dort kann sie die Regeln zur Bedingung für ein Listing machen - , ist die Verzögerung eines Zulassungsprozesses, was unter Umständen den Zeitplan eines Unternehmens sprengen könnte, sagt Gebhardt.

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