Scharfe Kritik
"Fall Telekom schadet Finanzplatz Deutschland"

Ungeachtet aller öffentlichen Beteuerungen der Bundesregierung, keinen Einfluss auf die Personalentscheidungen an der Spitze der Telekom genommen zu haben, gehen Experten von politischem Druck auch in diesem Fall aus und warnen vor einer Gefährdung des Finanzplatzes Deutschland.

Reuters FRANKFURT. Vor allem im Ausland würden der Streit um die Nachfolge Ron Sommers, aber auch vorherige Krisen wie die Kirch-Pleite oder das Gerangel um die Ruhrgas-Übernahme durch Eon, mit Argwohn gesehen, sagen Experten.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Ron Sommer, war am Dienstag nach wochenlanger Debatte um seine Person zurückgetreten. Sein Nachfolger wird vorübergehend der frühere Aufsichtsratschef Helmut Sihler. Vor allem die Rolle des Aufsichtsrats sowie der Bundes als Hauptaktionär und deren Vorgehen bei der Suche nach einem Sommer-Nachfolger waren bei Fachleuten zum Teil scharf kritisiert worden.

"Die Bundesregierung hat sich vollkommen lächerlich gemacht", urteilte am Mittwoch ein Londoner Finanzexperte, der nicht namentlich genannt werde wollte. Ähnliche - wenn auch nicht immer ganz so harte - Kommentare sind in diesen Tagen an den Märkten immer wieder zu hören. "Was sie getan haben war absolut kontraproduktiv." Das Agieren des Bundes sei ein Beispiel dafür, wie populistisch die Politik auf die öffentliche Meinung reagiere.

"Abrundung des Negativbildes" von Deutschland"

"Der Fall Telekom hat extrem starkes Stirnrunzeln bei ausländischen Investoren hervorgerufen", sagte Rudi Perkowsky von der US-Handelskammer Perkowsky ist Co-Chairman im Finance Committee der US-Handelskammer, die Deutschland nach wie vor als einen wichtigen Standort für US-Firmen ansieht. Die Bundesregierung müsse aber mehr für die Attraktivität des Standortes Deutschland tun, lautet die Forderung der US-Wirtschaftsvertretung. Immerhin sei die Bundesrepublik der Standort mit der höchsten Konzentration amerikanischer Investitionen.

Perkowskys Einordnung des Telekom-Streits in die internationale Perspektive klingt wenig ermutigend: "Ausländische Investoren fragen schon: "Was ist eigentlich bei euch los?". Besonders für Aufmerksamkeit gesorgt habe die politische Einflussnahme auf firmeninterne und Managemententscheidungen. "Das rundet das Negativbild ab, das sich in den vergangenen zwölf, 18 Monaten zu Deutschland gebildet hat", fügte er in Anspielung auf andere Ereignisse, etwa die Anhäufung von Firmenpleiten, hinzu.

Es gebe nun sicher einige internationale Investoren, die jetzt zunächst ihr Geld zurückhielten, fügte Perkowsky hinzu. Gerade bei Neu-Investments sei "Vorsicht angesagt". "Die Investoren im Ausland sind nach meinen Dafürhalten sehr zurückhaltend. Die Leute halten das Geld kurz und parken es notfalls", sagte der Kenner für Auslandsinvestitionen in Deutschland.

Von Rosen: "Kein normales Kapitalmarktverhalten"

Auch Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts (DAI), sieht das Image des Investment-Standorts Deutschland durch das Gerangel um die Sommer-Nachfolge in Mitleidenschaft gezogen: "Die Diskussion hat dem Finanzplatz Deutschland zumindest kurzfristig eindeutig geschadet", sagte er Reuters. "Ich bedauere das Vorgehen bei der Telekom. Die Art und Weise entspricht keinem normalen Kapitalmarktverhalten."

Von Rosen sieht im Fall Telekom sowohl Fehler bei der Politik als auch Versäumnisse beim Aufsichtsrat. "Unschön war, dass die Äußerungen des Bundes zum Schluss den Erläuterungen diametral entgegenstanden, die noch einige Wochen zuvor öffentlich gemacht worden waren", sagte der DAI-Vorsitzende mit Blick darauf, dass sich der Bund noch bis vor wenigen Wochen ausdrücklich hinter Sommer gestellt hatte.

Ein Fehler sei gewesen, dass Aufsichtsrat, Management und Eigner die Probleme der Telekom nicht auf der Hauptversammlung diskutiert und dann intern geklärt, sondern eine öffentliche Debatte losgetreten hätten, sagte von Rosen. "Im Grunde war seit der Hauptversammlung nichts passiert, was einen strategischen Wechsel bei der Telekom hätte erkennen lassen. Wenn man dann auf einmal feststellt, dass man eine Änderung braucht, widerspricht das den Gepflogenheiten am Kapitalmarkt."

"Im Ausland wird man aus dem Fall Telekom den Schluss ziehen, dass wir in Deutschland die Achtung von Unternehmensorganen noch nicht verinnerlicht haben", mahnte der Vorsitzende des DAI.

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