Scharon liegt in Umfragen vorn
Israels Friedensbewegung vor Wahl in Apathie

dpa TEL AVIV. Israels Friedensbewegung scheint wenige Tage vor der Ministerpräsidentenwahl trotz der Aussicht auf ein Ende des Friedensprozesses mit den Palästinensern unter dem politischen Rechtsaußen Ariel Scharon wie gelähmt. Zwar plant "Schalom Achschaw" (Frieden Jetzt) am Samstagabend eine große Demonstration in Jerusalem. Doch die könnte, so meint Galia Golan, führendes Mitglied von "Schalom Achschaw", zu spät kommen, um das Blatt noch einmal zu Gunsten des amtierenden Regierungschefs Ehud Barak zu wenden. "Es war in diesem Wahlkampf sehr schwer, die Linke zu motivieren. Die Enttäuschung unter den Linken über Barak ist einfach viel zu groß", sagt sie.

Selten war die Entscheidung für die Anhänger der Aussöhnung zwischen Juden und Arabern - zumindest auf dem Papier - einfacher, als am kommenden Dienstag. Hier Ehud Barak, der sich in 20 Monaten Amtszeit fast ausschließlich dem Friedensprozess gewidmet und den Palästinensern Zugeständnisse machte, wie niemand vor ihm.

Und auf der anderen Seite Ariel Scharon, der Israel 1982 in einen Krieg mit Libanon führte und der die jüdische Besiedlung der besetzten Palästinensergebiete mit allen Mitteln förderte. Der Mann, den eine Kommission 1983 für unfähig erklärte, jemals wieder Verteidigungsminister zu werden. Doch all dies konnte die Linke bisher nicht dazu bewegen, zu Barak zurückzukehren, geschweige denn für seine Wiederwahl zu kämpfen.

Wahlboykott angekündigt

Zahlreiche prominente Israelis haben in den vergangenen Wochen offen einen Boykott der Wahl angekündigt. Sie wollen am Dienstag entweder zu Hause bleiben oder einen weißen, ungültigen Stimmzettel abgeben. "Ich weiß, es scheint absurd", gesteht Golan, Politik- Professorin an der Hebräischen Universität Jerusalem, "man muss doch nicht eine Botschaft zerreißen, nur weil man den Boten nicht mag."

Warum die Anhänger der Friedensbewegung Barak im Wahlkampf allein gelassen haben, ist nach Ansicht der Politologin leicht zu erklären. "Barak hat die Verhandlungen mit den Palästinensern sehr schlecht geführt. Gleichzeitig hat er den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten fortgesetzt und damit falsche Signale gesendet. Schließlich war seine Rolle während der Unruhen der israelischen Araber (als 13 Araber von israelischer Polizei erschossen wurden) eine Katastrophe", klagt die Friedensaktivistin.

"Der Mann, der gewählt wurde, Frieden zu schließen, ist gescheitert." Auch Didi Remes, Sprecher von "Frieden Jetzt", gibt zu, dass "ideologisch Barak zwar das Geringere von zwei Übeln ist". Doch dies allein sei keine Motivation, für ihn in den Wahlkampf zu ziehen. "Es ist sehr schwer, die Leute auf die Straße zu bringen", meint er enttäuscht.

Trend zugunsten Scharons

Doch der überraschende Trend in den Meinungsumfragen zu Gunsten des fast 73-jährigen Scharon ist nach Ansicht vieler Beobachter vor allem ein Ergebnis der seit vier Monaten andauernden Intifada. Die blutigen Ausschreitungen im Gazastreifen und im Westjordanland, tödliche Schüsse auf jüdische Siedler, Bombenanschläge in Israel, all dies habe die Risiko-Bereitschaft der Israelis verringert, meint Golan.

Die tief sitzenden Existenzängste zahlreicher Israelis sind ihrer Meinung nach durch den Palästinenseraufstand im Westjordanland und im Gazastreifen über Nacht wieder an die Oberfläche gekommen. "Machen wir uns nichts vor, die Lage ist schlecht", sagt die Wissenschaftlerin. Rund ein Drittel der Israelis, die schon immer als Wechselwähler galten, suchten jetzt angesichts der subjektiven Bedrohung durch Jassir Arafats Aufstand die "Sicherheit", die Scharon ihnen verspricht.

Auch der Kolumnist Gideon Samet sieht den Zulauf für den radikalen Scharon als Resultat der Furcht. "Die Ängste in der israelischen Öffentlichkeit sitzen zu tief", schrieb er in der Tageszeitung "Haaretz". Die zweite Intifada, so glaubt er, habe "eine stabile Mehrheit (für den Frieden) in eine Gruppe verändert, die sich jetzt ein aggressives 'wir zeigen's denen' auf die Fahnen geschrieben hat."

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