Scharon und Abbas finden wenig Gemeinsamkeiten
Bush erzwingt den Frieden

Trotz der Besiegelung des Friedensprozesses im Nahen Osten ist die Stimmung weiter angespannt. Der Besuch von Bush im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz bei seiner Europatour sei ein "klares Signal" für sein Verständnis israelischer Sicherheitsbedürfnisse.

AKABA. Der Himmel leuchtet dunkelblau, eine leichte Brise weht über die jordanische Hafenstadt Akaba am Roten Meer. Die Sicht ist frei auf die nur wenige Kilometer entfernte israelische Hafenstadt Eilat am Ende der Bucht. Hinter der dicht besiedelten Stadt ist das Relief der roten Berge deutlich zu erkennen, die sich auf ägyptischer Seite fortsetzen. Vor dieser Postkartenkulisse im Dreiländereck am Golf von Akaba haben US-Präsident George W. Bush und der jordanische König Abdallah als Vermittler und Gastgeber sowie der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon und sein palästinensischer Kollege Mahmud Abbas am Mittwoch einen neuen Friedensprozess im Nahen Osten besiegelt.

Die freundliche Kulisse kann jedoch nicht über die angespannte Stimmung hinwegtäuschen. So schreit Raanan Gissin, Sprecher des israelischen Premierministers, am Morgen sein Statement so laut heraus, dass es auch die Journalisten in der hintersten Reihe mühelos hören können: "Die USA nehmen unsere Vorbehalte gegen die Road-Map ernst." Der Besuch von Bush im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz bei seiner Europatour sei ein "klares Signal" für sein Verständnis israelischer Sicherheitsbedürfnisse. Eine zeitliche Parallele zwischen der Verpflichtung der Palästinenser, Terroranschläge zu unterbinden, und der israelischen Verpflichtung, die seit 2001 errichteten Siedlungen abzubauen, sieht er nicht. "Siedlungen bringen niemanden um", lautet seine Devise.

Palästinensische Vertreter, die dieser Ansicht widersprechen könnten, sind bis zum Mittag im Pressezentrum nicht auszumachen. Fast scheint es, als hätten die Palästinenser nicht begriffen, wie wichtig die Darstellung der eigenen Position in den Medien ist. Da bildet sich plötzlich eine Menschentraube auf der Terrasse. Der junge Rechtsberater der PLO, Michel Tarazi, ist aufgetaucht und reagiert entschlossen auf Gissins Interpretation: "Israel muss laut Road-Map in der ersten Phase alle seit 2001 errichteten Siedlungen abbauen, das sind etwa 73. Wenn sie nur 17 abbauen, beeindruckt uns das nicht." Auf die Einsicht Scharons setzt der perfekt Englisch sprechende Mann im grauen Anzug nicht: "Scharon steht nicht hinter der Road-Map, er wurde gezwungen, sie anzunehmen." Erst die USA hätten dies durch ihren Druck ermöglicht. "Wir hoffen, dass die USA das Ungleichgewicht der Kräfte zwischen einem sehr starken Israel und den sehr schwachen Palästinensern ausgleichen."

Um das palästinensische Vertrauen in Bush, auch Druck auf Israel auszuüben, zu untermauern, zieht er zwei Din-A4-Blätter aus seiner Tasche mit dem Text der Rede, die Abbas zwei Stunden später halten will. Wir werden "all unsere Mittel einsetzen, um die Militarisierung der Intifada zu beenden". Das sind starke Worte, mit denen sich Abbas bei Teilen seiner Bevölkerung nicht beliebter macht. Tarazi bricht abrupt ab und geht von dannen, als ein israelisches Kamerateam ihn beim Verlesen filmen will.

Doch zwei Stunden später liest der palästinensische Premier Abbas vor den Kameras der Welt ebendiese Worte laut vor. Dabei spricht er fast ebenso viel vom Kampf gegen Terrorismus und Gewalt wie nach ihm der israelische Premier Scharon. Auf eine gemeinsame Erklärung konnten sie sich dennoch nicht einigen. Wie fremd die beiden sich sind, signalisiert ihre Körpersprache: Im Gegensatz zu Bush und Abdallah wirken sie steif, halten sich an den Stehpulten im Garten des Präsidentenpalastes fest, lesen ihren Redetext vor, ohne Betonungen, ohne Emotionen. Als wären nicht alle Formulierungen nur in ihrer Werkstatt entstanden, sondern im Ringen mit den Amerikanern, die zurzeit zum Erfolg entschlossen scheinen. Als wären sie beide in einer Position der Schwäche. Wenn dies der Fall wäre, könnte der PLO-Berater Tarazi mit seinem etwas erzwungen wirkenden Optimismus Recht behalten: Bush wird es richten.

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