Scharping will Bundeswehrreform zu Ende bringen.
Offiziere: Lage der Bundeswehr ernst wie noch nie

Herbe Kritik an Scharpings Haltung zur Lage der Bundeswehr übte ein Teil der Bataillons-Kommandeure nach einem Treffen mit dem Verteidigungsminister am Montag. "Es zeichnet sich nicht der geringste Hoffnungsschimmer ab, dass es in absehbarer Zeit besser wird", so ein Offizier.

dpa KÖLN/BERLIN. "Unser Chef redet ständig die sehr schweren Probleme der Bundeswehr bloß schön, statt sie wirklich anzugehen, auf den Punkt zu bringen und mehr Geld für die Armee zu fordern". Diese herbe Kritik übte eine ganze Anzahl der 90 Bataillons-Kommandeure nach einem zweieinhalbstündigen tete-a-tete mit Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) am Montag hinter verschlossenen Türen im Fliegerhorst Wahn bei Köln.

Der Minister wollte in die Truppe "hineinhören", um bei der Umsetzung der größten Umstrukturierung in der Geschichte der Bundeswehr von den Offizieren Ratschläge und Hinweise zu erhalten. Mehrere von ihnen sagten danach im Zwiegespräch mit Journalisten: "Es zeichnet sich nicht der geringste Hoffnungsschimmer ab, dass es in absehbarer Zeit besser wird".

Die Kommandeure hatten dem Minister den Zustand ihrer Einheiten ohne Umschweife klar gemacht: Defekte Fahrzeuge und Flugzeuge, Kasernen in schlechtem Zustand, massiver Rückgang der Bewerberzahlen und eine durch und durch unzufriedene Truppe. Die Lage sei in den 45 Jahren der Geschichte der Bundeswehr noch nie "so ernst wie heute gewesen", meinte ein Oberstleutnant.

Besonders wird Scharping von den Offizieren verübelt, dass er sich angesichts der "bedrohlichen Lage" entgegen aller seiner Versprechungen jetzt "widerstandslos" unter das "schroffe Spardiktat" vom Kabinettskollegen Hans Eichel (SPD) und Kanzler Gerhard Schröder (SPD) begeben habe. Er marschiere nur noch als "braver Parteisoldat", sagte der Oberstleutnant.

"Scharping ist der schlechteste Verteidigungsminister"

Die Soldaten fühlen sich nach ihrer Darstellung als "Spielball" von Koalitions- und Haushaltsauseinandersetzungen auf der politischen Bühne in Berlin. Die Offiziere vertraten die Ansicht, dass die Politik nicht auf der einen Seite immerzu neue Anforderungen an die Soldaten stellen und gleichzeitig die Mittel dafür kürzen könne. Der Vorsitzende des Bundeswehr-Verbandes, Oberst Bernhard Gertz, hatte erst vor kurzem festgestellt: "Scharping ist der schlechteste Verteidigungsminister, den die Bundeswehr je hatte".

Die Offiziere stimmten im Gespräch unter vier Augen auch den Ausführungen des Wehrbeauftragten Willfried Penner "uneingeschränkt" zu, der in der vergangenen Woche bei der Vorlage seines Jahresreports "Frust, Perspektivlosigkeit und tief sitzenden Ärger" bei den Soldaten registriert hat. Auch die Nato ist hellhörig geworden. Aus Brüssel gibt es nach zuverlässig vorliegenden Informationen Anfragen: "Was ist los bei der Bundeswehr. Wie soll das weitergehen?"

Es gibt in Berlin Spekulationen bei Insidern, wie lange sich Scharping noch "halten kann". Er selbst beteuert: "Ich habe ein anstrengendes und schönes Amt. Die historische Aufgabe der Bundeswehrreform will ich erfolgreich zu Ende bringen".

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