Schattenrat fordert Zinssenkung
Notenbanken geraten unter Druck

Die Weltwirtschaft zeigt nach dem Ende des Irak-Krieges keine Anzeichen von Belebung. Die Notenbanken Europas und der USA entscheiden in dieser Woche, ob sie deshalb die Geldpolitik lockern wollen.

HB/noh FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) kommt immer stärker unter Druck, der Wirtschaft der Euro-Zone mit einer Leitzinssenkung aus der Flaute zu helfen. Weil wichtige Konjunkturindikatoren auch nach dem schnellen Ende des Irak-Krieges auf eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage hindeuten und der Euro immer stärker wird, fordert der EZB-Schattenrat die europäische Notenbank auf, die Leitzinsen schnell und kräftig zu senken. Der Schattenrat als internationales Gremium von 18 hochkarätigen Experten für Geldpolitik unterstützt damit mehrheitlich eine Forderung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und des Internationalen Währungsfonds an die EZB.

"Die Wirtschaft wächst nicht, und die Euro-Aufwertung dämpft die Inflation. Ich sehe nicht, wie die EZB in einer solchen Situation auf eine Zinssenkung verzichten kann", sagte in der Sitzung des Schattenrats der Mailänder Ökonom Francesco Giavazzi.

Erst Juni oder Juli Leitzinssenkung erwartet

Der EZB-Rat tagt das nächste Mal am kommenden Donnerstag. Angesichts der jüngsten Äußerungen von EZB-Vertretern rechnen Marktteilnehmer allerdings erst im Juni oder Juli mit einer moderaten Leitzinssenkung von derzeit 2,5 auf 2,25 %. Einige Experten, wie etwa der Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley, Joachim Fels, wollen allerdings schon bei der nächsten Sitzung eine Zinssenkung nicht ausschließen.

Bereits am Dienstag tagt der geldpolitische Ausschuss der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) und entscheidet, ob die jüngsten schlechten Konjunkturdaten eine weitere Senkung des Leitzinses von 1,25 % erfordern. Die Bank von England gibt wie die EZB am Donnerstag ihre Zinsentscheidung bekannt. Hier wird am Markt überwiegend mit einer Zinssenkung von 3,75 auf 3,5 % gerechnet.

Industrie gerät immer stärker in die Flaute

Im Euro-Raum zeigte am Freitag eine Umfrage bei europäischen Einkaufsmanagern, dass die Industrie immer stärker in die Flaute gerät. Der Einkaufsmanagerindex für April, erhoben nach dem Fall von Bagdad, sank auf 47,8, den tiefsten Stand seit 15 Monaten. Sowohl die Produktion als auch der Auftragseingang waren der Umfrage zufolge rückläufig. Nach unten gezogen wurde der Index vor allem von Deutschland, wo der Wert auf 45,9 nachgab. Werte unter 50 deuten auf einen Produktionsrückgang hin.

Noch vor der EZB-Sitzung veröffentlicht die Bundesanstalt für Arbeit am Mittwoch die deutschen Arbeitsmarktzahlen für April. Nach Expertenschätzungen werden sie mit einem neuerlichen kräftigen Anstieg der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl sehr schlecht ausfallen. Die "Welt am Sonntag" berichtete unter Berufung auf Quellen aus der Bundesanstalt, dass die Zahl der Arbeitslosen mit 4,52 Millionen den höchsten Stand im April seit der Wiedervereinigung erreicht habe.

Auch in USA Anlass zur Sorge

Auch in den USA gibt der Arbeitsmarkt der Notenbank Anlass zur Sorge. Am Freitag wurde berichtet, dass die Beschäftigung im dritten Monat in Folge zurückgegangen ist. Die Arbeitslosigkeit stieg von 5,8 auf 6,0 %. Da mit noch schlechteren Zahlen gerechnet worden war, stimulierten jedoch unerwartet hohe Auftragseingänge im März die US-Aktienmärkte.

Die meisten Marktteilnehmer erwarten, dass die Fed ihren Leitzins erst auf der übernächsten Sitzung Ende Juni nochmals senkt. Mit Spannung wird allerdings auf die anstehende Abwägung der Risiken für Konjunktur und Preisstabilität durch die Notenbank gewartet. Diese hatte die Notenbank bei der letzten geldpolitischen Sitzung unter Verweis auf hohe Unsicherheit wegen des Krieges ausgesetzt. In den Monaten zuvor hatte die Fed die Risiken als ausgewogen bezeichnet.

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