Schicksalsfrage
Makabere Policen-Spekulationen

Mit Lebensversicherungen anderer Leute lässt sich viel Geld verdienen - mal weil sie sterbenskrank sind, ein anderes Mal, weil ihnen das Wasser bis zum Hals steht.

DÜSSELDORF. Marketing-Experten in der Finanzbranche wissen es längst: Der Anleger will hohe Renditen, aber am liebsten ohne Risiko. Was macht die Branche also: Sie kreiert Produkte mit hohen Gewinnchancen und baut gleichzeitig Sicherheiten ein, die dem Anleger wenigstens den Rückfluss eines Teils des investierten Kapitals oder sogar eine Mindestrendite sichern. Beispiel gefällig? Anbieter geschlossener Filmfonds versuchen über Erlösausfallversicherungen oder Verleihgarantien zu verhindern, dass Anleger gänzlich leer ausgehen, wenn ein Film floppt.

Makaber wird es allerdings, wenn eine Versicherung Anleger vor Renditeeinbußen schützt, die entstehen könnten, weil Menschen länger leben, als Ärzte es vorhergesagt haben. Unglaublich, aber wahr. "Kein seriöser Anbieter verkauft mehr eine gebrauchte amerikanische Risikolebensversicherung ohne eine solche Rückversicherung", sagt Harald Rölle aus Buchholz, der solche Policen in Deutschland vertreibt. Der Hintergrund: Amerikanische Krankenversicherungen bezahlen häufig teure, oft lebenserhaltende oder doch wenigstens lebensverlängernde Therapien und Operationen nicht. Vielen unheilbar Kranken, etwa Aids-Patienten, fehlt das Geld für solche Behandlungen.

Deshalb bieten sie Anlegern angesichts des nahen Todes ihre Risikolebensversicherung mit einem Abschlag auf die Todesfallleistung über zwischengeschaltete Makler an. Je geringer die vom Arzt prognostizierte Restlebenszeit, desto geringer fällt der Abschlag aus. Durch den Policenverkauf finanzieren sie dann den Kauf teurer lebensverlängernder Medikamente. Doch je länger der Verkäufer der Police lebt, desto geringer fällt die Rendite für den Käufer aus. Denn er muss länger Versicherungsbeiträge zahlen und bekommt die Todesfallleistung später ausgezahlt. Rölle kalkuliert bei einer Lebenserwartung von vier Jahren und dem Tod des Verkäufers zum Prognosezeitpunkt eine Rendite von 10,3 Prozent. Lebt der Policenverkäufer zwei Jahre länger, sinkt sie auf 6,75 Prozent, stirbt er ein Jahr früher beträgt sie allerdings bereits knapp 14 Prozent.

Auf den Tod wartende Spekulanten

Um jene Menschen, die länger als erwartet leben, vor immer wieder auftretenden Belästigungen gierig auf den Tod wartender Spekulanten zu schützen, ist es mittlerweile üblich, eine Rückversicherung für den Fall eines längeren Lebens abzuschließen. So gibt es Modelle, nach denen Lloyd?s in London die Todesfallsumme auszahlt, wenn der Verkäufer den vorhergesagten Todestag um zwei Jahre überlebt. Nach Betrugsskandalen ist der Handel mit solchen Viatical-Policen (s. "Glossar") in vielen US-Bundesstaaten gesetzlich geregelt. Typisch sind Mindestaufklärungspflichten, sowohl die Versicherten wie die Anleger betreffend, und die treuhänderische Abwicklung der Zahlung bei Ankauf. Eingeschaltete Rückversicherer bringen zusätzliche Sicherheit bei der Bewertung der ärztlichen Gutachten. Doch für deutsche Policenkäufer gilt: Selbst wenn das traurige Schicksal termintreu ist, kann ein fallender Dollar die hohe Rendite zunichte machen.

Wer solche US-Policen für unmoralische Angebote hält, ist mit einer gebrauchten englischen Kapitallebensversicherung vielleicht besser bedient. Der Handel damit begann vor rund 150 Jahren. Ernst F. Riess, Chef des Vermittlers European Financial Resource, schätzt, dass in diesem Jahr in Großbritannien Verträge im Wert von 600 Millionen Pfund die Besitzer wechseln werden. Oft werden die Lebensversicherungen mit Gewinnbeteiligung, so genannte TEP, verkauft, weil die Versicherten finanziell in die Klemme geraten sind. Anders als bei deutschen Policen gibt es keine garantierte Mindestverzinsung, sondern kapitalmarktabhängige Grund-, Zusatz- und Schlussboni. Deshalb schwanken die erwarteten Ablaufleistungen während der Laufzeit weit mehr als bei deutschem Policen.

Baisse hat die Boni gedrückt

Trotz Aktienflaute seien englische Versicherer noch immer zu 50 bis 60 Prozent in Aktien investiert. Doch die Baisse hat die Boni gedrückt. "Die Ablaufleistung einer vor fünf Jahren gekauften und jetzt fälligen Police ist um zehn bis 15 Prozent niedriger als erwartet", sagt Riess. Dennoch wirbt er auch jetzt mit Renditen von acht bis 13 Prozent. Die Verkäufer müssen der Börsensituation Tribut zollen. Wegen der niedrigeren Boni sinken auch die Preise der Secondhand-Policen. Je kürzer die Restlaufzeit, desto geringer die Schwankungsbreite der Ablaufleistung. Wer deshalb kurze Restlaufzeiten kaufen will, wird vom Markt enttäuscht: "Alle Laufzeiten unter vier Jahren sind knapp", sagt Riess. Und am Währungsrisiko kommt auch der Käufer britischer Policen nicht vorbei (s. Grafik ganz unten). Mit in Euro notierten irischen Policen wäre das Währungsrisiko zu umgehen. Doch Rölle bemerkt, bei vier Millionen Einwohnern Irlands sei der Markt zu klein.

Ist das unmoralische Angebot aus den USA den TEP überlegen? Es spricht zurzeit für sich, dass die Renditen nicht vom Kapitalmarkt abhängen. Grundsätzlich einkommensteuerpflichtig sind die Gebrauchtpolicen aus beiden Ländern. Weil Risikopolicen aber keinen Übertragungswert haben, können die US-Policen steuerfrei vererbt und verschenkt werden.

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