Schiff zerbrochen
Umweltkatastrophe vor Spanien: „Prestige" gesunken

Nach dem Untergang des Öltankers "Prestige" fürchten die Menschen an der Atlantikküste Spaniens und Portugals die gewaltigste Umweltkatastrophe seit Jahrzehnten. Trotz tagelangen Rettungsversuchen brach das 26 Jahre alte Schiff mit mehr als 70 000 Tonnen Schweröl am Dienstagmorgen auseinander und sank am Nachmittag vollständig. Umweltschützer befürchteten den Tod zehntausender Seevögel, Wale, Muscheln, Krebse und Schnecken.

dpa/rtr LA CORUNA/LISSABON. Giftiges Öl trieb bereits auf einer Fläche doppelt so groß wie Hamburg auf die Küsten zu. Tausende nordspanische und portugiesische Fischer in der strukturschwachen Region bangten um ihre Existenzgrundlage. Hoher Seegang und starker Westwind werden den Ölteppich nach der Vorhersage des französischen Wetterdienstes Météo France weiter zur Küste drücken.

Mehrere Schlepper hatten das 243 Meter lange Wrack noch ein Stück von der ökologisch äußerst sensiblen und artenreichen Küste fortgezogen. An der auf 200 Kilometer Länge verschmutzten "Todesküste" Galiciens wurden bereits mehr als 250 verendete oder ölverschmierte Vögel gefunden. Während ein weiterer, fast 1200 Quadratkilometer großer Öl-Teppich kurz vor der Küste schwamm, quollen aus dem Tanker weitere schwefelhaltige Ölmassen hervor. Fließt das gesamte Öl ins Meer, wäre das ungefähr doppelt so viel wie 1989 bei der Umweltkatastrophe der "Exxon Valdez" vor Alaska mit mehr als 250 000 getöteten Seevögeln. In Gefahr sind auch die "rías", die ökologisch hoch sensiblen, fjordähnlichen Flussmündungen der Gegend, sowie die Cíes-Inseln, ein Naturpark. Das Hydrologische Institut in Lissabon befürchtet die Ausweitung der Ölpest auf die Nordküste Portugals.

Mit dem Heck sei viel Öl versunken, sagte der Sprecher der niederländischen Bergungsfirma Smit Salvage, Lars Walder, in Rotterdam. "Wir hoffen, dass der größte Teil mit dem Schiff untergehen wird. Die meisten Tanks sind intakt."

Dagegen äußerte die Umweltschutzorganisation Greenpeace in Spanien Bedenken. "Wenn er (der Tanker) sinkt, liegt eine Zeitbombe am Meeresgrund", sagte eine Sprecherin. "Wir haben verlangt, dass das Öl herausgepumpt wird, damit eine ökologische Tragödie großen Ausmaßes verhindert wird."

Experten stritten darüber, ob Spanien den bereits am vergangenen Mittwoch havarierten Tanker in Küstennähe hätte abpumpen lassen müssen, anstatt ihn aufs Meer zu schleppen. Kritik kam von Greenpeace-Experte Christian Bussau: Wenn das Schiff an die Küste geschleppt worden wäre, hätte die Ladung auf einen zweiten Tanker umgepumpt werden können, sagte er im Saarländischen Rundfunk. Nach Ansicht des Hamburger Experten Rainer Lagoni haben Spanien und Portugal nicht gegen internationales Seerecht verstoßen, als sie die "Prestige" möglichst weit von der Küste fortschleppen ließen. Die von Schifffahrtskatastrophen leidgeprüften Länder Spanien und Portugal hatten dem Havaristen untersagt, einen ihrer Häfen anzulaufen.

Auf die betroffenen Küsten und Seegebiete kommt nun ein Massensterben von Vögeln zu. Hans-Ulrich Rösner, Meeresexperte beim WWF Deutschland, sprach von einem "Albtraum". Zu den Opfern gehörten neben Möwen unter anderem Trauerenten, Papageitaucher oder Krähenscharben. Das Tankerunglück sei eine Katastrophe für die Fischer, die in dem Gebiet Seehechte, Tintenfische und andere Meeresfrüchte wie Venus- und Kamm-Muscheln fangen.

Greenpeace-Experte Christian Bussau sagte jedoch, die Natur werde sich innerhalb mehrerer Jahre wieder regenerieren und nicht Jahrzehnten benötigen. Auf dem Meeresgrund sei der Tanker "eine Giftbombe, aus der kontinuierlich schädliche Chemikalien freigesetzt werden". Vom Meeresboden werde verklumptes Öl nicht mehr auftauchen. An Küsten ersticke das Öl zunächst alle Lebewesen, sagte Professor Johannes Imhoff vom Institut für Meereskunder der Universität Kiel. Würden verölte Bereiche rasch mit Schaufeln und Eimern gereinigt, würden die Giftflächen von den Rändern her allmählich wiederbesiedelt.

Nach Angaben der Reederei ist die "Prestige" versichert. "Entschädigungen für die Umweltkatastrophe werden demnach von den Versicherungen gezahlt", sagte Stephen Askings, Sprecher der Reederei Universe Maritime Inc., in Athen. Wer der eigentliche Besitzer des unter der Flagge der Bahamas fahrende Tanker ist, blieb unklar. Die Ladung der "Prestige" hatte einen Wert von 60 Mill. ?. Die niederländische Bergungsfirma Smit hätte bei einem Gelingen der Bergung rund 20 Mill. ? erhalten.

Die Schäden in Spanien werden auf bislang mindestens 90 Mill. ? geschätzt. 5 000 Fischer stehen vor dem Ruin. Nach der Havarie am vergangenen Mittwoch war der Fischfang vor der spanischen Küste auf einer Länge von rund 100 Kilometern verboten worden. Die Regierung kündigte Hilfsprogramme für die betroffenen Fischer an. Die Menschen in der Region leben vor allem vom Schellfisch-Fang.

Nach Einschätzung der Schiffs-Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd (GL), einer Art Schiffs-TÜV, hatte der bereits 26 Jahre alte Katastrophentanker seine letzten Inspektionen ohne Beanstandungen hinter sich gelassen. Als Tanker ohne doppelte Hülle habe er jedoch nicht zu den besonders sicheren gehört. Ab 2015 sind derartige Öltanker in europäischen Gewässern verboten. Der Reederei-Sprecher wies die Verantwortung den Behörden von Spanien zu. Der Kapitän sitzt in Haft, da er mit den Rettungskräften nicht zusammengearbeitet habe.

Die EU-Kommission will nach der Ölkatastrophe Pläne für mehr Sicherheit und schnelle Entschädigung schneller umsetzen. EU- Verkehrskommissarin Loyola de Palacio sagte der französischen Tageszeitung "Le Monde", zu diesem Schritt wolle sie die EU- Verkehrsminister auffordern.

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