Schiitische Einheiten etablieren sich im Kurdengebiet
Spannung im Nordirak wächst

Mit offensichtlicher Billigung der iranischen Regierung haben im Norden des Iraks schiitische Milizen militärische Positionen bezogen. Zeitungsberichte, wonach sich die Einheiten rund 18 Kilometer tief auf irakischem Territorium befinden, wurden von der Führung der Schiiten indirekt bestätigt.

TEHERAN/BERLIN. "Wir operieren bereits seit langer Zeit innerhalb des Iraks", sagte ein Sprecher des Obersten Rates der Islamischen Revolution (Sciri) in London zum Handelsblatt. Es handelt sich dabei um mindestens 1 000 Milizionäre der Badr-Brigaden, einer Truppe, die aktiv von Teheran unterstützt wird.

Die Soldaten sind dabei über die Gebirgsregion nordöstlich von Bagdad auf kurdisch kontrolliertes Gebiet vorgedrungen. Am Ufer des Flusses Sirwan haben sie Zeltlager errichtet. Insgesamt sollen die Verbände der Schiiten über 10 000 bis 15 000 Angehörige verfügen. Nach den Kurden zählen sie zu den militärisch stärksten Oppositionsgruppen im Irak.

Die Anwesenheit der Truppen erhöht in der nordirakischen Enklave, die vor Saddams Soldaten durch die Flugverbotszone geschützt ist, die Spannungen mit der Türkei. Auf einer Konferenz der Opposition in Salahuddin im Nordirak hatten sich vor wenigen Tagen die Vertreter einig in ihrer Ablehnung einer Einmischung durch Ankara gezeigt. Die Haltung wird nun offenbar auch von den Schiiten geteilt, deren Siedlungsgebiet im Süden des Iraks liegt. Seit Wochen häufen sich Meldungen über Geheimabsprachen zwischen den USA und der Türkei für den Fall eines Irak-Krieges. Danach könnte Ankara die Kontrolle über die Kurdengebiete im Nordirak erhalten. Die beiden großen Kurdenparteien KDP und PUK fürchten nun um ihre erst nach dem Golfkrieg von 1991 erlangte faktische politische Autonomie.

Die schiitischen Einheiten in Nordirak können sich der Unterstützung durch die Kurden sicher sein. Ali Beyati, ein Sciri-Sprecher in London, bezeichnete die Kurden als "Brüder", die ebenfalls die Unabhängigkeit des Iraks zum Ziel hätten. "Wenn nötig, werden wir kämpfen", sagte Beyati. "Allerdings nicht an der Seite der USA, sondern für uns alleine." Die Schiiten stellen im Irak rund 60 % die Bevölkerungsmehrheit. In der Vergangenheit beanspruchten jedoch stets die Sunniten die Macht in Bagdad.

In einem Interview mit dem Handelsblatt in Teheran sagte das Oberhaupt von Sciri, Ayatollah Mohammed Bakr al-Hakim, täglich stießen neue Kämpfer zu den schiitischen Einheiten. Al-Hakim lebt seit Ende der 70er Jahre im iranischen Exil, nachdem er und seine Familie im Irak brutal verfolgt wurden. Al-Hakim hatte zur Frage des Regimewechsels im Irak bislang eine ambivalente Haltung eingenommen. Zwar lehnt der 63-Jährige nach wie vor einen Krieg ab. Gleichzeitig unterstützt er einen gewaltsamen Sturz von Saddam Hussein.

Für die Neuaufteilung der politischen Macht im Irak nach Saddam Hussein hat al-Hakim seine Ansprüche inzwischen deutlich angemeldet. "Wir stellen nicht nur die Bevölkerungsmehrheit, sondern wir haben dort eine Geschichte, die über 14 Jahrhunderte reicht. Beinahe über all diese Zeit wurden die Schiiten unterdrückt. Doch jetzt sollten wir entsprechend repräsentiert sein", sagte al-Hakim. Er beanspruche zwar nicht die Präsidentschaft in einem künftigen Irak. Allerdings. machte er deutlich, müsse eine neue Regierung "den Islam und seine Charakteristika respektieren".

Gleichwohl ist al-Hakim um Distanz zu seinen iranischen Gastgebern bemüht. Ein künftiges politisches Modell sei etwa das föderal strukturierte Deutschland, sagte der Ayatollah, nicht der Iran. Dort gebe es keinen Föderalismus, erklärte er.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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