Schily: Radikalisierung des Islams bedroht innere Sicherheit
Krieg erhöht Terrorgefahr in Deutschland

Am Krieg gegen den Irak wird Deutschland nicht teilnehmen - doch die Gefahr von Terroranschlägen droht auch hier zu Lande. Deutschland sei von Terrororganisationen "ausdrücklich als Ziel benannt worden", warnte Bundesinnenminister Otto Schily gestern.

HB BERLIN/DÜSSELDORF. Aus diesem Grund trat am Dienstag das Sicherheitskabinett in Berlin zusammen, in dem neben den Ressorts Inneres, Justiz und Kanzleramt auch die Präsidenten der Geheimdienste vertreten sind. Dabei wurden die Vorbereitungen der verschiedenen Behörden in Bund und Ländern auf Anschläge nochmal auf ihre Machbarkeit überprüft. Das Sicherheitskabinett werde in den nächsten Wochen regelmäßig zusammentreffen, sagte Schily.

"Weiche Ziele" bedroht

Konkrete Hinweise auf geplante Anschläge gebe es zwar nach wie vor nicht, hob der Bundesinnenminister hervor. Dennoch sei es Besorgnis erregend, dass seit dem 11. September 2001 zunehmend so genannte "weiche Ziele", wie etwa touristische Einrichtungen, von Anschlägen bedroht seien. Es könnten aber nicht jedes Hotel, jeder Urlaubsort, jede Diskothek oder alle kirchlichen Einrichtungen beobachtet werden. Die Behörden in Deutschland müssten sich darauf beschränken, besonders exponierte Orte zu schützen.

Schily nannte in diesem Zusammenhang neben israelischen und jüdischen auch US-Einrichtungen. Bundesverteidigungsminister Peter Struck gab am Dienstag Abend bekannt, dass die zum Schutz von US-Militäreinrichtungen in Deutschland abgestellten Bundeswehrsoldaten von 2500 auf 3700 erhöht werden sollen. Gleichzeitig ordnete der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, General James L. Jones, die zweithöchste Sicherheitsstufe für seine Truppen an.

Neben US-Stützpunkten könnten auch britische und spanische Einrichtungen in Deutschland zu Angriffszielen islamistischer Terroristen werden, warnt Jörg Trauboth. Der ehemalige Luftwaffenoffizier ist Geschäftsführer der TRM GmbH, die zahlreiche große Versicherungen und andere Unternehmen im Risiko- und Krisenmanagement berät. Auch deutschen Unternehmen rät Trauboth zu erhöhter Vorsicht - vor allem bei Flugreisen: Er empfehle seinen Kunden seit Dienstag, auf US-amerikanische, britische und spanische Fluglinien möglichst zu verzichten. Als weitere Anschlagsziele kämen auch internationale Schulen mit starker US-Präsenz in Frage.

Deutsche Unternehmen gut vorbereitet

Vor allem die großen deutschen Unternehmen sind jedoch auf die neue Gefahrenlage relativ gut vorbereitet, sagt Berthold Stoppelkamp, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW). Speziell Firmen der sensiblen Reise- und Logistikbranche hätten nach dem 11. September 2001 eigene Security- Abteilungen eingerichtet, die auf Anschläge von außen wie auf Sabotage von innen vorbereitet seien.

Dennoch gebe es bei den deutschen Unternehmen noch viele Lücken, sagt Michael Otto von der amerikanischen Sicherheitsberatung Kroll. Das weltweit tätige Unternehmen mit 2 100 Mitarbeitern in mehr als 60 Ländern gehört nach eigenen Angaben zu den Marktführern im Security-Bereich. So empfehlen die Kroll-Berater ihren Kunden etwa, die Biografien muslimischer Angestellter noch einmal zu überprüfen. Wichtig sei auch, Ausweichquartiere festzulegen, falls das Hauptquartier einer Firma durch einen Anschlag lahm gelegt oder zeitweise nicht zugänglich sei.

Klaus-Dieter Matschke von der Firma KDM Sicherheitsconsulting sieht Niederlassungen von US-Firmen wie McDonald?s, Nike, Microsoft oder Disney in Gefahr. Diese "Ikonen der amerikanischen Wirtschaft" seien schon in der Vergangenheit Ziele terroristischer Organisationen gewesen. Auch Restaurants, Diskotheken und Konzerte, die von US-Soldaten frequentiert werden, gäben wegen ihrer geringen Sicherheitsmaßnahmen für Terroristen attraktive Ziele ab. Es könnten auch deutsche Staatsbürger, die sich an diesen Orten aufhielten, verletzt oder getötet werden.

Aus Sicht der Berater von Kroll sind die deutschen Sicherheitsbehörden der neuen Gefahrenlage nicht gewachsen: Es fehle nicht nur an technischer und finanzieller Ausstattung, sondern auch an einer zentralen operativen Führung, die im Katastrophenfall bundesweit die Lage koordiniert.

Dies bemängelt auch Jörg Trauboth. Dennoch dürfe man nicht in Panikmache verfallen, warnt der Risikoberater: "Es gibt unverändert keine konkreten Hinweise, dass irgendeine Terrororganisation zuschlagen könnte - und schon gar nicht, wann und wo."

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