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Schimpfwort Miet-Software

Das Vermieten von Programmen über das Web galt noch vor einem Jahr als der Zukunftstrend schlechthin. Doch heute ist klar: Application Service Providing hat sich bisher nicht durchgesetzt. Noch stehen viele E-Business-Entscheider der Idee skeptisch gegenüber, zeigt eine aktuelle Dialego-Umfrage.

HB DÜSSELDORF. Die Idee leuchtete dem britischen Stromkonzern unmittelbar ein: Software quasi aus der Steckdose. Das schien bequemer und kostengünstiger zu sein, als sich Computer-Programme selbst zu kaufen. Deswegen entschloss sich der Energieriese, Software für die Finanzbuchhaltung und das Controlling beim Technologie-Unternehmen QSP über das Internet zu mieten - Fachleute nennen das Application Service Providing (ASP).

Seit dem 18. Oktober machen sich die Manager, die diese Entscheidung getroffen haben, ernsthafte Sorgen um ihren Job: An diesem Tag meldete QSP Konkurs an. Stellt der einst an der Börse gefeierte ASP-Anbieter seinen Betrieb ein, geht bei dem Energiekonzern so gut wie gar nichts mehr. "Bei denen ist die nackte Panik ausgebrochen", sagt Pascal Matzke, Analyst bei der Giga Information Group und Berater des Stromriesen, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Das Beispiel zeigt: ASP hat seine großen Tücken. Dabei galt die Idee vor einem Jahr als große Revolution der Software-Branche, Experten sagten dem Markt explosionsartiges Wachstum voraus, Wagniskapitalgesellschaften steckten hunderte Millionen US-Dollar in ASP-Anbieter. Spätestens Ende 2001, so hieß es, werde auch in Deutschland die Nachfrage boomen.

Ernüchterung ist eingekehrt

Von wegen. In den vergangenen Monaten ist große Ernüchterung eingekehrt - bei den Branchenanalysten, den potenziellen Kunden und vor allem den ASP-Anbietern. "Der Begriff ist fast zu einem Schimpfwort geworden", sagt Rudolf Hotter, Vorstandssprecher von Einsteinet, einem der bekanntesten deutschen Vertreter der Branche.

Manches Jungunternehmen, das sich dem Vermieten von Software verschrieben hat, steht vor dem finanziellen Ruin: In den USA mussten seit Anfang des Jahres 14 Unternehmen des Sektors aufgeben, zählte die Giga Information Group. Und laut Giga stecken alle börsennotierten ASP-Unternehmen tief in den roten Zahlen - "weitere Anbieter werden die Segel streichen", prophezeit Giga-Mann Matzke.

Hauptgrund für die Krise: die potenziellen Kunden halten sich vornehm zurück. Bei der Befragung von 279 deutschen E-Business-Entscheidern im Auftrag von Netzwert erklärten gegenüber dem Marktforschungsinstitut Dialego nur 12,5 %, dass ihr Unternehmen ASP-Verträge abgeschlossen habe. Fast die Hälfte der befragten Manager zweifelt grundsätzlich an der Idee: Rund 21 % meinen, ASP habe in großen Unternehmen "auf gar keinen Fall" eine Chance, sondern lohne sich wenn überhaupt nur für kleinere und mittelständische Firmen. Und weitere 19 % glauben überhaupt nicht an das Mietkonzept. Sie meinen schlicht: "ASP hat keine Zukunft".

So weit gehen selbst ASP-Kritiker wie Giga-Analyst Matzke nicht: Er sieht den Markt zwar auf einer "deutlichen Talfahrt", sagt aber andererseits: "Das selektive Outsourcing von EDV-Applikationen macht auf jeden Fall Sinn" - weil die Auslagerung von Hard- und Software die Kosten besser vorhersagbar mache und sich die Unternehmen zunehmend auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Auch Stefan Schambach, Gründer der Jenaer Software-Schmiede Intershop, stellt sich hinter das Konzept: "Die ASP-Idee ist sehr gut", sagte er gegenüber Netzwert. Die momentanen Schwierigkeiten hätten nichts mit dem Scheitern des Konzepts zu tun. "Derzeit entwickelt sich kein IT-Markt rasant, das gilt auch für ASP."

Mietsoftware braucht Auklärung

Nicole Dufft, Markt-Analystin bei Berlecon Research, hält die Unkenntnis in vielen Unternehmen für die wichtigste Ursache der Zurückhaltung: Sie befragte im August und September IT-Entscheider aus 649 Unternehmen und stellte fest: "Acht von zehn der Befragten gaben an, mit dem ASP-Konzept nicht oder nur wenig vertraut zu sein." Ohne eine "umfangreiche Marktaufklärung" habe Mietsoftware daher kaum eine Chance. Großer Nachholbedarf bestehe vor allem im Mittelstand. Denn: "Viele Vorbehalte der Unternehmen gegenüber dem ASP-Konzept beruhen auf unzureichenden Informationen", sagt die Autorin der vom Branchenverband ASP Industry Consortium unterstützten Studie. "Viele Unternehmen haben ein emotionales Problem damit, ihre sensiblen Firmendaten nach draußen zu geben", beobachtet die Analystin.

Trotz allem kommt Dufft zu dem Ergebnis: "ASP ist besser als sein Ruf." Denn Unternehmen, die bereits heute Software mieten, sehen das Konzept laut Berlecon-Studie deutlich positiver. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung Frost & Sullivan. Was ASP tatsächlich bringt, ist in der Branche umstritten: "Ich habe bei meiner gesamten Research-Tätigkeit keine ASP-Lösung gesehen, die bei langfristiger Betrachtung billiger ist als der Kauf und Betrieb von Software in einem traditionellen Implementierungs- oder Outsourcing-Modell", meint Giga-Experte Matzke. Einsteinet-Chef Hotter sieht das anders: "Bei Warenwirtschaftssystemen sind bis zu 30 Prozent geringere Gesamtkosten realistisch."

An 43 Unternehmen vermietet das Startup derzeit Programme wie die Unternehmens-Software SAP R/3 - hauptsächlich größere Mittelständler, die zwischen 50 und 100 EDV-Arbeitsplätze haben. Einsteinet hat seit seiner Gründung Ende 1999 satte 180 Mill. in zwei Rechenzentren und ein eigenes Glasfasernetz investiert. Anfang 2003 soll die Gewinnzone erreicht werden. Bis dahin hätten sie genügend Geld von ihren Kapitalgebern erhalten, beteuert Vorstandssprecher Hotter. Neben Warenwirtschaftssystemen vermietet es Software aller Art - vom E-Mail-Programm bis zur Textverarbeitung.

Ganz anders das Geschäftsmodell der Freiburger Classware GmbH, die sich ganz klar auf eine Marktnische spezialisiert hat: Das Unternehmen vermietet im Internet unter dem Namen Reisekosten.de ein Programm, mit dem Unternehmen ihre Reisekosten-Abrechungen über das Web erledigen können und gilt in der Branche als eines der erfolgreichsten ASP-Angebote. Vorteil für die Kunden: Classware kümmert sich darum, dass alle steuerlichen Bestimmungen immer auf dem neuesten Stand sind.

Rund 400 Unternehmen nutzen inzwischen die Dienste der Freiburger, darunter Intershop und der Rechenzentrumsbetreiber Integra - damit gilt das Freiburger Unternehmen als einer der erfolgreichsten ASP-Anbieter Deutschlands. "Wir sind mit Reisekosten.de sehr zufrieden", sagt Integra-Deutschland-Chefin Susanne Welsch-Lehmann: "Wir brauchen keine Software zu installieren und müssen uns nicht um Aktualisierungen kümmern."

Entstanden ist das Angebot 1998 aus einer "Biergartenidee", wie Classware-Chef Thomas Holzer berichtet. Der Informatiker hatte sich schon lange über den Papierkrieg bei Reisekostenabrechnungen geärgert und ein Computerprogramm geschrieben. Eine Testversion, die er kostenlos ins Internet stellte, kam so gut an, dass das Unternehmen anfing, für die Nutzung des Programms Geld zu verlangen. Dass das Freiburger Kleinunternehmen damit zum Pionier in Sachen ASP avancierte, wurde Holzer erst hinterher klar: "Von dem Begriff hörten wir erst viel später das erste Mal."

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