Schlacht um Bagdad könnte hohe Verluste bringen
Erste Kritik an Rumsfelds Strategie

Eines steht bereits am sechsten Tag des Krieges fest: Die Strategie der Amerikaner, das irakische Regime durch massive Luftangriffe zur Kapitulation zu bewegen, ist nicht aufgegangen. Die militärisch wichtigen Entscheidungen fallen am Boden - und hier treffen die Alliierten auf erheblich mehr Widerstand als erwartet. Und die entscheidende Schlacht um Bagdad hat gerade erst begonnen.

WASHINGTON. Rund um die irakische Hauptstadt hat Saddam Hussein seine am besten ausgerüsteten Truppen postiert: Die aus 100 000 Mann bestehenden Republikanischen Garden verteilen sich auf sechs Divisionen. Sie sind mit schwerer Artillerie bewaffnet und Saddam gegenüber besonders loyal. Eine Schlüsselfunktion übernimmt die rund 10 000 Soldaten umfassende Medina-Division. Diese Elite-Einheit soll sich im dicht besiedelten Euphrat-Tal außerhalb von Bagdad verschanzt haben.

Das US-Militär steckt in einer taktischen Klemme: Startet es massive Luftangriffe, riskiert es eine hohe Zahl von Opfern in der irakischen Zivilbevölkerung. "Genau darauf spekuliert Saddam - dann hätte er einen politisch-psychologischen Sieg errungen und könnte die internationale Öffentlichkeit gegen Amerika mobilisieren", warnt der frühere CIA-Analyst Kenneth Pollack. Setzen die USA hingegen auf Bodenoperationen mit tief fliegenden Apache-Kampfhubschraubern, vergrößern sie die Gefahr eigener Verluste. Angesichts dieses Dilemmas regt sich unter Spitzen-Militärs erste Kritik. "Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat die Natur des Konflikts völlig falsch eingeschätzt", bemängelt Barry McCaffrey, der im Golfkrieg 1991 Kommandant der 24. Infanterie-Division war. "Alle haben ihm gesagt, dass er für die Bodenoffensive zu wenig Truppen bereitgestellt hat", betont McCaffrey.

Der Sicherheits-Experte Loren Thomson vom Lexington Institute, einer Denkfabrik in Arlington, haut in die gleiche Kerbe: "Verglichen mit den feindlichen Kräften verfügen wir wahrscheinlich über die geringste Zahl an Truppen in allen Bodenkriegen, die wir im letzten Jahrhundert geführt haben." Nach Thompsons Angaben stehen auf irakischem Boden derzeit zwei US-Divisionen mit je rund 15 000 Mann einem irakischen Heer mit insgesamt knapp 500 000 Soldaten gegenüber.

Franks Strategie in der Schusslinie

Damit gerät die Strategie des US-Oberkommandierenden am Golf, General Tommy Franks, in die Schusslinie. Franks hat sich dafür entschieden, von Kuwait aus möglichst schnell ins 400 Kilometer entfernte Bagdad zu marschieren. Dabei nahm er in Kauf, dass wichtige Städte wie Basra oder Karbala nicht erobert wurden. Die Iraker bekamen dadurch die Gelegenheit, sich zu sammeln und die Alliierten anzugreifen.

Andere Experten halten die amerikanische Militär-Strategie grundsätzlich für verfehlt. "Nach Meinung von Rumsfeld sollte dieser Krieg die schwindende Wichtigkeit von Bodentruppen beweisen, während die Schrecken und Furcht verbreitende Luftwaffe den schnellen Sieg herbeibombt", schrieb der pensionierte US-Offizier Ralph Peters gestern in einem Meinungsbeitrag der "Washington Post". "Stattdessen müssen jetzt mehr Soldaten zusammengezogen werden, um eine wirtschaftliche und ökologische Katastrophe zu vermeiden", so der Ex-Militär.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte Rumsfeld sein Lieblingsprojekt einer Umstrukturierung des Militärs forciert: Die schweren Panzerarmeen aus der Zeit des Kalten Krieges sollen in kleinere, hoch mobile Einheiten umgewandelt werden. Eine mit der neuesten Satellitentechnik ausgerüstete Luftwaffe hat die Aufgabe, den Gegner durch "chirurgische Schläge" zu zermürben, ehe Bodentruppen eingesetzt werden. In Afghanistan ging dieses Konzept noch auf.

Saddams Soldaten haben gelernt

Im Irak-Konflikt herrschen jedoch andere Gesetze. Saddams Soldaten haben aus dem letzten Golfkrieg die Lektion gelernt, den Alliierten keine Angriffsfläche in der offenen Wüste zu bieten. Menschliche Schutzschilde und eine schwer berechenbare Guerilla-Taktik erschweren die Sache für die Amerikaner zusätzlich. Darüber hinaus ist der Widerstand der Iraker hartnäckiger, als von den USA vorausgesagt: Der sofortige Kollaps des Regimes fand nicht statt - und eine jubelnde Bevölkerung, die die "Befreier" Fähnchen schwenkend begrüßt, ist bislang ein Phantom.

"Es gab die Erwartung eines schnellen Sieges", betont Militärexperte William Arkin. "Da dies nicht eingetreten ist, macht sich nun die Idee breit, dass die Iraker und ihr Regime erfolgreicher agieren und dass die Amerikaner schlechter abschneiden. Aber beide Vorstellungen sind falsch."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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