Schlagabtausch der Anwälte
Prozess um ICE-Unglück in Eschede begonnen

Mehr als vier Jahre nach dem ICE-Unfall von Eschede hat am Mittwoch in Celle der Prozess zum schwersten Eisenbahnunglück der deutschen Geschichte begonnen.

Reuters CELLE. Angeklagt sind zwei 67 und 56 Jahre alte Beamte der Deutschen Bahn sowie ein 55 Jahre alter Mitarbeiter des Thyssen Krupp-Konzerns, wo der bei dem Unfall gebrochene Radreifen hergestellt wurde. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg wirft den drei Ingenieuren fahrlässige Tötung in 101 Fällen und fahrlässige Körperverletzung in 105 Fällen vor.

Vertreter der Bahn und der Angeklagten wiesen die Vorwürfe unter Berufung auf internationale Gutachten zurück. Die Anwälte der Nebenkläger aus den Reihen der Hinterbliebenen und Überlebenden erklärten, es werde in dem Prozess auch um die Verantwortung des Bahn-Vorstandes gehen. Der Vorsitzende Richter der Strafkammer des Landgerichtes Lüneburg, Michael Dölp, rief die Beteiligten zu Sachlichkeit auf. Es gehe darum, das Unglück von Eschede gründlich und in Ruhe aufzuarbeiten.

Angeklagte lehnen Aussage ab

Begleitet von großem Medieninteresse erschienen die drei Angeklagten im nicht vollständig besetzten Saal des Kreistages von Celle, wohin der Prozess verlagert worden ist. Mit ernster Miene verfolgten die Männer die Verlesung der Anklage, um dann übereinstimmend zu erklären, keine Aussage machen zu wollen.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft haben die Angeklagten das Unglück, das durch den Bruch eines Radreifens ausgelöst wurde, durch eine Reihe von Fahrlässigkeiten bei der Einführung des neuen Radtyps für den ICE zu verantworten. Die Möglichkeit von Rissen und die Gefahr eines Bruches hätte bereits vor Einführung der gummigefederten Reifen ab Herbst 1992 im ICE durch eine Festigkeitsanalyse aufgezeigt werden müssen. Da dies unterblieb, sei es möglich gewesen, dass der Radreifen so weit abgefahren werden konnte, bis er brüchig geworden sei, hieß es.

Der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" war am 3. Juni 1998 auf dem Weg von München nach Hamburg bei Tempo 200 im niedersächsischen Eschede an einer Brücke zerschellt. Wenige Kilometer zuvor war ein Radreifen an einem der vorderen Wagen gebrochen. Er verhakte sich in einer Weiche, der Waggon entgleiste, raste gegen die Brücke und ließ alle nachfolgenden Wagen aufprallen.

Unglücksstelle als Modell im Gerichtssaal

Der gebrochene Radreifen ist im Prozesssaal ausgestellt, ebenso Modelle der Bahnstrecke in Eschede: eines mit einem normal fahrenden ICE, das andere mit dem zusammen geschobenen Zug am 3. Juni 1998. Als die Staatsanwälte beginnen, die Liste der Toten und Verletzten Namen für Namen zu verlesen, wird es still im Saal. Hinterbliebene senken den Kopf. Ein Mann, der seine Frau bei dem Unfall verloren hat, vergräbt das Gesicht in seinen Händen.

Bahn-Verteidiger bestreigen Vorwürfe

Die Verteidiger bestritten erneut die Vorwürfe. Sie stützten sich auf fehlerhafte Gutachten, sagte Rechtsanwalt Walther Graf. Die Bahn werde mehrere Gutachten anderer Experten vorlegen, die nachwiesen, dass der Radreifen prinzipiell für den Einsatz auch in Hochgeschwindigkeitszügen geeignet gewesen sei. Die Bahn und ihre Ingenieure seien dem Stand der Technik gerecht geworden, sagte Hanns Feigen, Anwalt der Bahn. Deshalb erwarte er einen Freispruch. "Das ändert nichts daran, dass die Bahn mit Ernst und Betroffenheit die Tragödie im Blick hat, die dieser Unfall für viele Menschen bedeutet." Heinrich Löwen, Sprecher der Hinterbliebenen-Selbsthilfe und einer der Nebenkläger, der bei dem Unglück Frau und Tochter verlor, macht aus seiner Verbitterung der Bahn gegenüber kein Hehl. Es gehe in dem Prozess darum, dass nie wieder wirtschaftliche Erwägungen Vorrang vor Sicherheit, Gesundheit und Menschenleben haben dürften. Neben den drei Angeklagten sei auch der Bahn-Vorstand verantwortlich.

Sein Rechtsanwalt Reiner Geulen will dies zum Thema machen. "Es gibt Zeugen und es gibt Akten, die die Staatsanwaltschaft beschlagnahmt hat, die das bestätigen", sagte Geulen. "Wir werden die Verantwortlichkeiten zur Sprache bringen." Geulen warf der Bahn eine Verschleppungstaktik vor. Sie habe vier Jahre lang nichts zur Aufklärung beigetragen und lege es jetzt auf einen langwierigen Gutachterstreit an und wolle das Verfahren in die Länge ziehen zu wollen. Der später gebrochene Radreifen sei mehr als 100 000 Kilometer mit Rissen gefahren worden, die man mit bloßem Auge hätte erkennen können. "Jeder TÜV hätte ein solches Fahrzeug sofort aus dem Verkehr gezogen", sagte Geulen.

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