Schlechte Noten für Schüler
Niveau am Boden

"Welcher Fluss", lautet Frage Nummer elf in dem Testbogen, den ein Düsseldorfer Ausbildungsbetrieb seinen Bewerbern vorlegt, "fließt durch Frankfurt am Main?" Antwort des Kandidaten: "Die Oder."

DÜSSELDORF. Peter Schwabe, dessen Gesichtsfarbe dank einiger Dutzend Zigaretten am Tag und seines Jobs als Chef des mittelständischen Sicherheitstechnik-Unternehmens Telba sowieso bereits leicht gerötet ist, läuft noch dunkler an, wenn er diese Antwort liest. "Unsere Bewerber weisen extreme Defizite auf", klagt er.

Für die 70 Auszubildenden, die bei Telba gewerbliche und kaufmännische Berufe erlernen, wende er rund 100 000 Euro im Jahr auf, um deren Wissenslücken im Lesen, Schreiben und Rechnen zu füllen. Während der diesjährigen Auswahlrunde, zu der der Ausbildungsleiter 164 Kandidaten eingeladen hatte, erschien ein Viertel gar nicht erst - ohne abzusagen.

"Wir führen inzwischen Listen von Schulen und Lehrern, von denen wir wissen: Wenn die Bewerber von dort kommen, können wir sie nehmen", berichtet der Unternehmer.

Gert Wieneke, Hauptgeschäftsführer der örtlichen Handwerkskammer, würde zwar lieber die Erfolge einer Ausbildungsplatzinitiative vorstellen - doch beim Thema Bewerberqualität kann er nur zustimmen: "Es fehlt an Kenntnissen und Motivation, Einsatzbereitschaft und Fleiß."

30 Kilometer weiter östlich, in Solingen, leitet Felicia Ullrich den U-Form-Verlag. Er stellt jene Tests her, an denen allem Anschein nach immer mehr Bewerber scheitern. An die 80 000 Fragebögen verkauft Ullrich Jahr für Jahr an ihren Kundenstamm, zu dem die Zwei-Mann-Anwaltskanzlei genauso zählt wie Großanbieter der Logistikbranche. Drei Schwierigkeitsstufen hat der Verlag im Angebot: Eine für Haupt-, eine für Realschulabsolventen und eine für Abiturienten. Eine Zeit lang, sagt Ullrich, seien die Test für das Hauptschulniveau eher Ladenhüter gewesen. Inzwischen verzeichne sie allerdings eine sprunghaft gestiegene Nachfrage. "Wir sind im Niveau runtergegangen", folgert die Unternehmerin.

Gregor Berghausen, Geschäftsführer der Industrie-und Handelskammer in Düsseldorf, kennt die Klagen aus der Praxis. Sein Fazit: "Auf dem Ausbildungsmarkt gibt es einen Angebots- und Nachfragemangel." Ausbildungsbetriebe, die für Schulabgänger den ersten Kontakt mit der Berufswelt bedeuteten, müssten die teilweise gravierenden Mängel ausbaden, die die Pisa - Studie aufgedeckt hat.

Auch das kann die Ausbildungsbereitschaft senken. Denn ob Schwabe, Wieneke, Ullrich, Berghausen - allesamt klingen sie einigermaßen resigniert, wenn das Gespräch auf die Qualifikation der Auszubildenden kommt. Sie klagen über Versäumnisse der Schule und verweisen darauf, dass sie nicht ausbügeln könnten, was die Gesellschaft versäume. Ihre Antworten erinnern an die eines Kandidaten auf die Frage 15 im Testbogen: "Erklären Sie die Abkürzung GmbH" - "Gesellschaft mit beschrenkter Hoffnung."

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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