Schlechter Film...
Vertrauensverlust am Neuen Markt

Verfehlte Prognosen, Insolvenzen und Insidergerüchte haben zu einem Vertrauensverlust gegenüber vielen Unternehmen am Neuen Markt geführt. Experten gehen mit einer gesunden Skepsis in das Jahr 2001.

FRANKFURT. Die Hölle stelle ich mir als einen Ort vor, an dem die Engländer kochen und die Deutschen Fernsehunterhaltungssendungen machen." Das soll einmal der Fernsehmoderator Robert Lembke gesagt haben. Viele Anleger werden ihm zumindest im letzten Punkt zustimmen. Denn gerade die Medien- und Unterhaltungsbranche hat sich in diesem Jahr als teuflisches Investment herausgestellt, mit dem die Investoren am Neuen Markt im großen Stil ihr Geld vernichtet haben. Der Absturz des einstigen Börsenlieblings EM.TV ist da nur das spektakulärste Beispiel. Auch andere Manager machten sich mit ihren durch den Börsengang prall gefüllten Portemonnaies auf nach Hollywood und kauften dort ein, was das Zeug hielt. Damit wurde der Begriff vom "stupid german money" geboren. Soll heißen: Die Deutschen zahlen viel Geld für schlechte Filme.

Dramatische Kursverluste prägten aber nicht nur die Medienbranche. Unter den Verlierern des Jahres finden sich auch Telekommunikationswerte und Softwaretitel. Mit einem Minus von durchschnittlich fast 80 Prozent hat die Internetbranche aber den Vogel abgeschossen. Dennoch verfügt der Sektor mit den Schwergewichten T-Online und Broadvision immer noch über die Vormachtstellung am Neuen Markt. Die Marktkapitalisierung liegt bei 31 Prozent. Vor sechs Monaten pendelte der Wert allerdings noch bei 43 Prozent.

Doch nicht nur die Einbrüche an der US-Technologiebörse Nasdaq sind für die schwache Entwicklung verantwortlich. Teilweise sind die Probleme auch hausgemacht. Nicht selten schockten Neulinge am Neuen Markt ihre Anleger schon wenige Monate nach dem Börsengang mit drastischen Umsatz- und Ergebniskorrekturen. Die Folge: massive Kursstürze. Kein Wunder, dass sich die Anleger mittlerweile in einer Art Käuferstreik befinden. Sogar von einem massiven Vertrauensverlust am Neuen Markt ist bereits die Rede.

Von historischen Höchstständen blieb nichts mehr übrig

Dabei hatte das Jahr an der deutschen Wachstumsbörse so gut angefangen. Im ersten Quartal 2000 erklomm der Nemax-All-Share einen historischen Höchststand nach dem anderen. Die gute Stimmung nutzten viele Unternehmen für ihren Börsengang. Die Zahl der Neuemissionen stieg rasant. Bis Jahresende sind insgesamt 147 Unternehmen als Debütanten an den Neuen Markt gekommen - davon notierten am letzten Handelstag vor Weihnachten nur gerade ein knappes Drittel über oder auf ihrem Emissionskurs.

Zu den wenigen Lichtblicken des Jahres zählt der Biotechnologie-Sektor. Die Branchenvertreter liegen im Schnitt immer noch mit 75 Prozent im Plus. Aber auch sie mussten im schwachen Marktumfeld Federn lassen. Im Vergleich zu den Höchstständen im März haben sie 35 Prozent an Wert eingebüßt. Wacker geschlagen haben sich auch Technologie-Titel, die um 18 Prozent gestiegen sind.

Allgemein hat es sich ausgezahlt, in Qualitätswerte zu investieren. Aixtron, Singulus oder Medion haben sich über weite Strecken besser als der Durchschnitt gehalten, hat HSBC Trinkaus & Burkhardt beobachtet.

Ob es an der High-Tech-Börse wieder aufwärts geht, hängt auch davon ab, wie sich die neuen Regeln auswirken, die Ende Dezember von der Deutschen Börse bekannt gegeben wurden - passenderweise nachdem der Neue Markt an einem Tag ein Zehntel seines Wertes verloren hatte. Zum 1. März 2001 wird die Meldepflicht beim Kauf und Verkauf von Aktien durch das Management des Unternehmens verschärft. Schon ab Januar sollen die Unternehmen zu einer transparenteren Quartalsberichterstattung gezwungen werden. Auch die Sanktionen bei Regelverstößen werden verschärft: Das Strafgeld steigt auf 100 000 Euro von bisher 10 000 Euro. Doch einigen Marktbeobachtern geht die Reform noch nicht weit genug. Nach Meinung von Roland Welzbacher von Concord Effekten sollte das Management seine Aktien mindestens halten, bis das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt. Fondsmanager Michael Fraikin hält gar einen "Börsen-TÜV" für sinnvoll, der in regelmäßigen Abständen prüft, ob ein Unternehmen noch zum Neuen Markt dazugehören soll.

Mit den neuen Bestimmungen allein wird die Börsenverwaltung aber die Anleger nicht wieder an den Markt locken. Viel hängt auch von der Kursentwicklung an der Nasdaq ab. Sie wird auch weiter die Richtung vorgeben. "Allerdings sei der Neue Markt wesentlich volatiler als die Nasdaq", sagt Thomas Teetz, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Schuld daran sind überzogene Erwartungen, aber auch höhere Bewertungen am Neuen Markt. Ein weiteres Absacken der Kurse ist also nicht auszuschließen. Sinken die Zinsen weiter, kann es im Verlauf des kommenden Jahres wieder bergauf gehen. Der Nemax-All-Share könnte durchaus wieder ein Niveau von 4 000 bis 5 000 Punkten erreichen, heißt es bei HSBC. Adig Investment erwartet gar 6 000 Punkte. Optimistischer ist da wieder einmal die DG Bank: Bereits zum Ende des ersten Quartals könne der Nemax-All-Share bei 8 000 Punkten liegen, heißt es dort. Zum Jahresende 2001 sollen gar 9 000 Punkte möglich sein.

Mit dieser Einschätzung steht das Institut jedoch bislang weitgehend allein da. Denn wenn das abgelaufene Jahr überhaupt etwas gebracht hat, dann eine gesunde Skepsis. "Eine richtige Euphorie werden wir nicht wieder sehen", glaubt Fondsmanager Fraikin.



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