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Schlechter Verlierer

Noch ein paar Stunden, dann ist Gerhard Schröder von seinen Amtspflichten als Bundeskanzler endlich entbunden und kann sich anderen Tätigkeiten widmen. Dem Verfassen seiner Memoiren zum Beispiel.

Noch ein paar Stunden, dann ist Gerhard Schröder von seinen Amtspflichten als Bundeskanzler endlich entbunden und kann sich anderen Tätigkeiten widmen. Dem Verfassen seiner Memoiren zum Beispiel. Wie man so etwas macht, kann er von seinem ehemaligen griechischen Amtskollegen Kostas Simitis lernen. Der im März 2004 abgewählte sozialistische Politiker hat jetzt seine Erinnerungen aus den Regierungsjahren 1996 bis 2004 vorgelegt. "Politik für ein kreatives Griechenland" heißt der 670 Seiten dicke Wälzer.

Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Ungewöhnlich ist zunächst einmal, dass es überhaupt geschrieben wurde. In Griechenland ist es nicht Usus, dass Politiker Erinnerungen verfassen. Auch dass Simitis seine Memoiren so übereilt vorlegt, nämlich bereits 18 Monate nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Regierungschefs, ist nicht selbstverständlich. Empfand der Ex-Premier Rechtfertigungsdruck? Wollte er dem Urteil der Geschichte zuvorkommen? Der Verdacht drängt sich auf. Denn ein so makelloses Bild seiner Regierungszeit, wie es Simitis selbst entwirft, würde wohl kein anderer Biograph oder Historiker malen.

In diesen Memoiren begegnet uns ein wirklich vollkommener Politiker. Kein Fehler ist ihm in seinen acht Jahren als Ministerpräsident unterlaufen, nichts hat er versäumt, nichts zu bedauern. Doch von Seite zu Seite wird der Leser ratloser: wenn alles so vorbildlich gelaufen ist zwischen 1996 und 2004, wenn ein Erfolg sich an den nächsten reihte, warum gab Simitis dann den Parteivorsitz schon zwei Monate vor den Parlamentswahlen vom März 2004 ab? Warum zog er nicht selbst in den Wahlkampf, um seine zwei so überaus erfolgreichen Amtsperioden durch eine dritte zu krönen und mit zwölf Regierungsjahren einen politischen Langstreckenrekord anzustreben? Warum, so fragt sich der Leser, regiert Simitis Griechenland nicht mehr?

Selten hat sich ein Politiker in seinen Erinnerungen dem eigenen politischen Lebenswerk gegenüber so unkritisch gezeigt wie Simitis in seinen Memoiren. Dabei hat der Ex-Premier durchaus Verdienste. Das bestreiten nicht einmal seine politischen Gegner. Als Simitis 1996 das Amt des Regierungschefs übernahm, war der Ruf des Landes ziemlich ruiniert. Sein Amtsvorgänger Andreas Papandreou machte mit schlüpfrigen Affären von sich reden und nervte die westlichen Verbündeten seit Jahren mit politischen Extratouren. Simitis gelang es, Griechenland wieder zu einem angesehenen, verlässlichen Partner zu machen. Gekrönt wurde das durch den Beitritt des Landes zur europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Aber dass da kräftig geschummelt wurde, dass die Griechen nur dank grober Bilanzierungstricks die Aufnahme in die Eurozone schafften, darüber schweigt der Memoirenschreiber Simitis.

Die Größe, auch eigene Versäumnisse einzugestehen, hat er nicht. Wenn es dennoch mal ein Missgeschick gab, waren immer andere schuld: die griechisch-türkische Krise um die Imia Felseninseln, die 1996 fast zu einem Krieg zwischen den beiden zerstrittenen Bündnispartnern führte, schiebt Simitis den eigenen Militärs in die Schuhe. Die Affäre um den PKK-Chefterroristen Öcalan, den die Griechen 1999 in ihrer Botschaft in Kenia versteckten, schildert der damalige Premier wie ein unbeteiligter Beobachter.

Bisweilen gleitet das Bemühen des Verfassers, die eigenen Verdienste ins beste Licht zu rücken, unfreiwillig ins Komische ab. Dann etwa, wenn er im Anhang auf fast 20 Seiten die von ihm verwirklichten Infrastrukturprojekte akribisch auflistet. Da fehlt keine Turnhalle, kein Parkhaus, kein Schienenstrang.

Warum sitzen die Sozialisten trotz dieser, glaubt man Simitis, durchweg erfolgreichen, glänzenden Regierungsjahre seit den Wahlen vom März 2004 im Athener Parlament auf den Oppositionsbänken? Simitis, so zeigt dieses Buch, ist ein schlechter Verlierer. Der Nachfolger Jorgos Papandreou trägt die Schuld an der Niederlage. Den hatte Simitis zwar selbst im Stil eines Monarchen zum Diadochen erkoren. Doch Papandreou versäumte es, im Wahlkampf die Verdienste der Simitis-Ära gebührend herauszustellen und verlor deshalb die Wahl. So jedenfalls sieht es der Ex-Premier. Mit entsprechend säuerlicher Miene saß Papandreou jetzt bei der offiziellen Präsentation der Simitis-Memoiren neben dem Verfasser. Auf die Frage von Journalisten, was er von dem Buch seines Vorgängers im Parteivorsitz halte, gab Papandreou eine knappe aber vielsagende Antwort: "Meine Pflicht ist es, nach vorn zu sehen - nicht zurück".

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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