Schlitzohr und Egozentriker
Ronaldo und die Sucht nach Fußball

Was den Spaß angeht, sind die Portugiesen schon jetzt Europameister und meistens ist Cristiano Ronaldo mittendrin. Er ist kein "schwieriges Genie", als das Ronaldo in Deutschland gern bezeichnet wird, auch keine "egozentrische Diva", noch so ein Titel. Er polarisiert, dabei ist alles ganz einfach: Ronaldo ist das Aufregendste, was dieser Sport zu bieten hat.

NEUCHÂTEL. Cristiano Ronaldo hat einen Lolli geschenkt bekommen. "Hier, als Trostpreis", sagt sein Mitspieler Petit, nachdem er erklärt hat, dass Ronaldo bei einem Trainigsspielchen verloren hat und jede Form von Niederlage ja bekanntlich nicht ausstehen könne. Ronaldo kichert, lacht und nimmt den Lutscher in den Mund.

So geht das seit Tagen und Wochen. Was den Spaß angeht, sind die Portugiesen schon jetzt Europameister und meistens ist Ronaldo mittendrin. Besonders amüsiert ihn, immer neue Fragen nach einem Wechsel von Manchester United zu Real Madrid mit immer neuer Schlagfertigkeit zu kontern, "magst du lieber Fish & Chips oder Paella?", fragte einer am Dienstag, "Bacalhau", Stockfisch, das portugiesische Nationalgericht, antwortete er. In Spanien schwören sie dennoch, dass der Transfer im Gegenwert von 100 Millionen Euro bevorsteht, eine große Madrider Sportzeitung hat deshalb eigens einen Ronaldo-Reporter bei dieser Euro abgestellt. Der sieht nun wie alle anderen dieser Tage einen entspannten, völlig integrierten Nationalspieler. Kein "schwieriges Genie", als das Cristiano Ronaldo in Deutschland gern bezeichnet wird, auch keine "egozentrische Diva", noch so ein Titel.

Es gibt viele Missverständnisse über Cristiano Ronaldo, auch was ihn als Fußballer betrifft. Es gibt Kommentatoren, die seinen Namen nicht ohne hämisches Adjektiv aussprechen können, und es gibt Beobachter, die es nicht übers Herz bringen, ihn als besten Fußballer der Welt zu bezeichnen, ohne Wörter wie "angeblich" voranzustellen. Ronaldo polarisiert, und das verstellt den Blick darauf, dass der Fußball manchmal ganz einfach ist und die Dinge manchmal wirklich so sind, wie sie aussehen. Cristiano Ronaldo (23) ist seit einiger Zeit der beste Spieler der Welt. Und alle, die das bestreiten, haben ihn womöglich zum letzten Mal bei der WM 2006 gesehen, beim Spiel um Platz drei zwischen Portugal und Deutschland.

Damals gab Cristiano Ronaldo in der Tat eine jämmerliche Figur ab. Unvergessen die Bilder, wie er nach einem Zweikampf mit Christoph Metzelder zu einer Schwalbe abhob und noch im Flug seinen Kopf zum Schiedsrichter drehte, das Gesicht die Fratze eines schlechten Laiendarstellers. Der Schiedsrichter stand direkt daneben, zeigte Ronaldo die Gelbe Karte und die Zuschauer in Stuttgart pfiffen fortan bei jeder Ballberührung noch lauter, als sie das ohnehin schon getan hatten.

Ronaldo ist ein Schausteller, sicher. Aber ist der Fußball etwa nicht Unterhaltung? Ein Individualist, ein Schlitzohr, ein Exzentriker. Wie so viele große Spieler vor ihm auch. Wenn dieser Sport es geschafft hat, die ganze Welt in seinen Bann zu ziehen, dann liegt das nicht an taktisch perfekten 0:0-Spielen, sondern an Kickern wie Ronaldo, die sich für größer erachten als jedes System. Was freilich nicht bedeutet, dass sie sich bis zu einer gewissen Grenze nicht in eines integrieren lassen.

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