Schmerzhafter Abschied vom Alltag

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Schmerzhafter Abschied vom Alltag

"Unverhofft kommt oft." Der Spruch könnte von Anbietern einer Versicherung gegen Berufsunfähigkeit kommen. Sie ergänzen, was der Staat schuldig bleibt.

HB DÜSSELDORF. Holger S., 28 Jahre alt, hatte einen guten Job als Bankkaufmann. 5 000 DM brutto verdiente er im Monat - bis zu einem schweren Skiunfall. Bleibende Gesundheitsschäden machen es ihm unmöglich, seinen Beruf oder eine gleichwertige Tätigkeit weiter auszuüben. Weil er aber andere Erwerbstätigkeiten ausüben kann, etwa die eines Pförtners, hat er keinen Anspruch auf gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente. Wäre er im vergangenen Jahr verunglückt, müsste der Staat ihm monatlich 26 % seines Bruttoverdienstes zahlen - 664,68 ? (1 300 DM).

Die seit Anfang 2001 gültigen gesetzlichen Erwerbsminderungsrenten benachteiligen Menschen unter 40 Jahren erheblich. Wer seinen Beruf nach Krankheit oder Unfall nicht mehr ausüben kann, wird uneingeschränkt auf eine andere Tätigkeit verwiesen. Beruf, Status und Zumutbarkeit spielen keine Rolle mehr. Bisher galt als berufsunfähig, wer seinen Beruf nur noch weniger als zur Hälfte ausüben konnte.

Ältere Betroffene bekommen zwar weiter Berufsunfähigkeitsrenten, doch der Staat zahlt etwa ein Drittel weniger als zuvor. Dabei waren schon die bisherigen Renten nicht mehr als ein "Tropfen auf den heißen Stein". Die durchschnittlichen Berufsunfähigkeitsrenten betrugen laut Verband Deutscher Rentenversicherungsträger für Frauen 1999 rund 800 DM, für Männer im Westen 1 158 DM, im Osten 933 DM.

Für alle, die jünger als 40 Jahre sind, gilt: Die volle Erwerbsminderungsrente (34 % vom Bruttogehalt) bekommt, wer weniger als drei Stunden am Tag arbeiten kann, die halbe Rente wird bei weniger als sechsstündiger Arbeitsfähigkeit gezahlt. Wer mehr arbeiten kann, geht leer aus. Freiberufler und Selbstständige sind fast vollständig auf private Vorsorge angewiesen. Berufsanfänger können regelmäßig frühestens nach fünf Jahren versicherungspflichtiger Tätigkeit Ansprüche anmelden.

Private Vorsorge tut mehr denn je Not. Doch die Vielfalt der Tarife ist verwirrend. Der weitaus umfassendste und auch sinnvollste Schutz ist die private Berufsunfähigkeitsversicherung. Ihr Vorbild ist die frühere gesetzliche Berufsunfähigkeitsabsicherung. Sie schützt vor den finanziellen Folgen, wenn Krankheit oder Unfall zur Berufsunfähigkeit geführt haben. Die vereinbarte Rente wird maximal bis zum 65. Lebensjahr gezahlt. Typische Voraussetzungen: mindestens 50 % Leistungseinschränkung in der zuletzt ausgeübten Tätigkeit; keine Chance, einen gleichwertigen Beruf auszuüben.

Für Familien ist die Kombination aus Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung empfehlenswert. Günstig kalkuliert, bietet sie den für junge Väter und Mütter so wichtigen Berufsunfähigkeits- und Hinterbliebenenschutz in einem Vertrag.

Varianten, die Berufsunfähigkeitsschutz mit einer Kapitallebensversicherung, einer privaten Rentenversicherung oder mit fondsgebundenen Versicherungen kombinieren, sind mit Vorsicht zu genießen. Weil sie einen zusätzlichen Sparprozess enthalten, sind sie entsprechend teuer. Um die Beiträge im Rahmen zu halten, werden oft ausgerechnet beim Berufsunfähigkeitsschutz Abstriche gemacht. Inzwischen bieten genügend Versicherer auch eigenständige Berufsunfähigkeitsversicherungen in verschiedenen Varianten an, darunter auch knapp kalkulierte für junge Leute.

Eine abgespeckte Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung ist die Erwerbsunfähigkeitsversicherung. Diese Police zieht der Vertreter aus seinem Koffer, wenn der Abschluss einer vollwertigen Berufsunfähigkeitsversicherung wegen hoher Unfallrisiken, etwa bei einem Dachdecker, oder wegen einer Vorerkrankung zu teuer beziehungsweise nicht möglich ist. Die Erwerbsunfähigkeitspolice ist zwar besser als gar keine Absicherung. Sie bietet jedoch lediglich einen Katastrophenschutz und deckt die Lücken der neuen gesetzlichen Erwerbsminderungsrenten nicht adäquat ab. Sie kostet 40 bis 60 % weniger als die Berufsunfähigkeitsversicherung und leistet ausschließlich dann, wenn der Kunde keinerlei berufliche Tätigkeit ausüben kann. Beispielsweise weil er dauerhaft im Rollstuhl sitzen muss. Die zunächst harmlos klingende Leistungsbeschreibung kann einschneidende Folgen haben: Wer theoretisch noch eine weniger qualifizierte Tätigkeit ausüben könnte, aber auf dem Arbeitsmarkt keinen Job findet, hat kein Einkommen und auch keinen Anspruch auf Geld von der Versicherung.

Einen Risikoausschnitt decken so genannte Dread-Disease-Policen ab. Die versicherte Summe wird fällig, wenn der Arzt eine schwere Krankheit attestiert. Dazu gehören - je nach Anbieter - Herzinfarkt, Bypass-Operation, Krebs, Schlaganfall, Nierenversagen, Multiple Sklerose, Querschnittslähmung, Aids, Transplantationen, schwere Verbrennungen, Blind-, Taubheit und Pflegebedürftigkeit. Auch diese Versicherung wird als reine Risikoabdeckung oder in Kombination mit einem Ansparprozess angeboten. Ein großer Fallstrick: Gezahlt wird nur bei wirklich schweren Formen der versicherten Krankheiten. Andere Erkrankungen, die allzu oft Ursachen für bleibende Berufsunfähigkeit sind, gehören nicht zum Katalog der Versicherer. Als ausreichender Berufsunfähigkeitsschutz taugt diese Police daher nicht.

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