Schmidt will Medikamentenpass einführen
Ärzte werfen Regierung Versagen bei Lipobay vor

Im Skandal um das gestoppte Arzneimittel Lipobay haben Ärzte erstmals der Bundesregierung vorgeworfen, nicht rechtzeitig vor den Gefahren gewarnt zu haben. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) habe bereits Anfang Juni von den Risiken gewusst, aber keine Gegenmaßnahmen ergriffen, kritisierte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Bruno Müller-Oerlinghausen.

ap BERLIN. Das Institut, das dem Gesundheitsministerium untersteht, habe es versäumt, sofort einen Stufenplan zur Risikoabwehr in Gang zu setzen, sagte der Pharmaexperte. Der Lipobay-Hersteller Bayer hatte Vorwürfe des Ministeriums zurückgewiesen, der Konzern habe die Behörden zu spät über die Häufung gefährlicher Nebenwirkungen bei dem Cholesterinsenker informiert. Der Konzern will dem Institut alle wesentlichen Informationen bereits am 28. April 2001 vorgelegt haben.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte erklärt, die Behörde habe den Bayer-Bericht erst im August auf Nachfrage erhalten. Als Konsequenz aus dem Skandal will Schmidt einen Medikamentenpass für alle Bürger einführen. Schmidt sagte in Berlin, Ärzte und Apotheker sollten bei der Behandlung mittels einer elektronischen Patientenakte einsehen können, welche Arzneien der Patient verschrieben bekomme und einnehme. Bayer bestätigte derweil, dass Lipobay möglicherweise bei mehr als 1 100 Patienten weltweit Muskelzerfall ausgelöst habe. Der Konzern hatte den Cholesterin-Senker vor gut zwei Wochen vom Markt genommen, weil damit mehr als 50 Todesfälle in Verbindung gebracht wurden.

234 Berichte über Lipobay-Nebenwirkungen in Deutschland

In Deutschland gab es nach Angaben des Bundesinstituts im Zusammenhang mit Lipobay und dem wirkstoffgleichen Medikament Zenas 234 Berichte über unerwünschte Nebenwirkungen. Dabei sei es 91 Mal um eine akute Zerstörung der so genannten Skelettmuskulatur gegangen, an der sieben Menschen gestorben seien. Bei drei der Todesfälle hält die Bundesbehörde einen Zusammenhang mit der Lipobay-Einnahme für möglich, in den übrigen vier Fällen für unwahrscheinlich.

Nach Institutsangaben hat sich die Zahl der Verdachtsmeldungen wegen Muskelschwundes im Zusammenhang mit Lipobay in Deutschland in diesem Jahr deutlich erhöht. Im vergangenen Jahr seien lediglich 19 Verdachtsfälle registriert worden, von Januar bis August diesen Jahres 52. Bayer will nach eigenen Angaben nun auch in Japan den Cholesterinsenker vom Markt nehmen. In allen anderen Ländern hat der Konzern das Medikament bereits zurückgezogen. Diese Entscheidung werde das operative Ergebnis dieses Jahres bei Bayer um bis zu 150 Mill. ? (293 Mill. DM) verringern, hieß es.

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