Schmuckdesigner sind Handwerker mit Fingerspitzengefühl
Fassung bewahren

Wer Schmuck entwerfen und herstellen will, braucht nicht nur Talent und eine ruhige Hand. Mehr noch benötigen angehende Schmuckkünstler einen langen Atem: Vor allem für die Durststrecke, bis sich mit ihrem Können endlich Geld verdienen lässt.

Den Albtraum jedes kreativen Menschen, der Kunst studieren will: Vera Siemund hat ihn hinter sich. Mit einer Mappe voller Skizzen und Fotos reiste sie 1995 zur Aufnahmeprüfung der Hochschule für Kunst und Design nach Halle. Die Konkurrenz war groß, die Nerven angespannt. Die Professoren sahen sich die Mappen an. Wer die Mindestpunktzahl nicht erreichte, konnte gleich wieder nach Hause fahren. Wer übrig blieb, zeichnete, malte und modellierte, was das Zeug hielt. Nach drei Tagen gratulierte die Auswahlkommission: Vera Siegmund ist eine von drei neuen Studentinnen des Fachbereichs "Schmuck" an der Hallenser Burg Giebichenstein.

Seitdem experimentierte die gelernte Goldschmiedin mit den verschiedensten Materialien, modellierte und malte. "Mich reizt, dass Schmuck-Machen eine Mischung ist aus Design, Kunst und Kunsthandwerk - angewandte Kunst halt." Und sie mag, dass ihre Kunst leise und fast beiläufig daher kommt: "Schmuck hat eine gewisse Bescheidenheit allein durch die Größe."

Bescheidene Aussichten

Bescheiden sind allerdings auch die Berufsaussichten für Schmuckkünstler - selbst für Hochqualifizierte. Dreieinhalb Jahre Ausbildung zur Goldschmiedin an der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau und sechs Jahre Studium mit dem Abschluss Diplom-Künstlerin hat Siemund hinter sich. Obendrein hat sie bereits ihren ersten renommierten Preis eingeheimst, den Designerpreis der Gesellschaft für Goldschmiedekunst in Hanau. Solche Wettbewerbe und Sonderschauen sind wichtige Karrierebausteine - wer nicht auf sich aufmerksam macht, wird auf dem Jahrmarkt der künstlerischen Eitelkeiten allzu leicht übersehen.

Die Zeit nach dem Studium sei finanziell besonders hart, sagt Siemund. "Selbst Leute, die einen Namen haben, können sich nicht darauf verlassen, dass jeden Monat Geld reinkommt. Ihr Schmuck liegt dann in Galerien, und sie haben erst mal nichts davon", erklärt sie. So mancher ihrer ehemaligen Mitstudenten halte sich auch mit gelegentlichen Reparaturarbeiten über Wasser - oder mit Kellnern. Die Möglichkeit, als angestellte Designerin in einer größeren Schmuckfirma zu arbeiten, findet die Schmuckkünstlerin nicht erstrebenswert, weil die Kreativität letztlich auf der Strecke bleibe. "Dazu sind wir zu künstlerisch ausgebildet."

Zweigleisig fahren

Vorerst hat sich Siemund in ein einen sogenannten Existenzgründerkurs des Landes Sachsen-Anhalt gerettet. Eineinhalb Jahre bezahlt ihr das Arbeitsamt ein Unterstützungsgeld, mit dem sie über die Runden kommt. Und ihr ermöglicht, sich vorerst ganz der Kunst zu widmen. Derzeit entwirft Siemund Schmuck für eine große Ausstellung. Das ist gut fürs Renommee, aber nicht unbedingt für den Geldbeutel. "Wahrscheinlich werde ich nach dem Kurs finanziell nicht zurecht kommen. Ich kann zwar nebenher ein paar Auftragsarbeiten erledigen, aber die kommen eher unregelmäßig rein. Reich werden kann man davon nicht."

Deshalb träumt die 31-Jährige von einem zweiten, "festen" Standbein als Lehrerin an der Berufsschule. Halbtags Schmuck herstellen und in der anderen Hälfte des Tages anderen beibringen, wie man's macht, so sieht ihr berufliches Ideal aus. "Ich würde gern zweigleisig fahren - einfach, um sicheres Geld zu verdienen."

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