Schmuddelkieze werden schick
Berlins neues Trendviertel heißt Kreuzberg

Der lärmende Hype um Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain ist verstummt. Wer nach Kreuzberg zieht, muss sich dafür auf Partys nicht mehr entschuldigen: In den Berliner Medien wimmelt es von Geschichten über das neue alte Trendviertel.

HB/dpa BERLIN. Auf einmal waren die T-Shirts da. "Kreuzberg 36" tragen Berliner Szene-Gänger seit neuestem auf der Brust. In den 90er Jahren gerieten die Kieze rings um Oranien- und Bergmannstraße ein wenig in Vergessenheit. Viele Neu-Berliner gingen lieber in den Osten der Stadt.

"Kreuzberg schlägt zurück", titelte das Stadtmagazin "Zitty". Dort sei Subkultur schon immer am schönsten gewesen, findet das schwul- lesbische Magazin "Siegessäule". Bezeichnend für den Wandel sind recht schicke Restaurants wie das "H.H. Müller" oder die Szene-Bar "Möbel-Olfe". Beide öffneten im alten Postleitzahlbezirk 36, alljährlich Schauplatz der Randale zum 1. Mai und eigentlich ein sozialer Brennpunkt.

"Der Bezirk hat mehr Facetten, als man glaubt", sagt Peter Krech, der mit dem "H.H. Müller" in ein altes Umspannwerk am Landwehrkanal gezogen ist. Die Gegend sei "nicht so aufgeplustert und ziemlich authentisch". Er mag an Kreuzberg die "Patina" und die gewachsenen Strukturen, außerdem sei es billiger als in Mitte. Selbst das Kottbusser Tor, als Bausünde verschrien, mausert sich allmählich. Betonwände, Messingkronleuchter, Tresen aus Furnierholz und Bier aus Polen locken scharenweise Nachtschwärmer ins "Möbel-Olfe".

Dort - am "Kotti" - soll im Juli ein Szene-Kaufhaus öffnen. "Das ist ein Ort, den man wunderbar beleben kann", meint Uschi Schröder, Sprecherin des "KaufhausKreuzberg". An rund 50 Ständen im Markthallenstil soll es Mode, Design, Naturkosmetik, Pralinen, Comics und Bücher geben. Die Wahl fiel ganz bewusst auf das Kottbusser Tor, wo täglich 60 000 Menschen vorbeikommen. Das Ganze orientiert sich an dem hippen Kaufhaus "Affleck's Palace" in Manchester und ist in Deutschland einmalig, wie Schröder sagt. "Möbel-Olfe" war für sie ein "Testballon", der gezeigt hat, dass eine 70er-Jahre-Betonwüste nicht abschreckend sein muss.

Auch in der Bergmannstraße, dem "Ku'damm für die Szene" ("Tip") im etwas bürgerlicheren "Kreuzberg 61", hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Es gibt Kaffeebars, Thai-Imbisse und Sushi- Restaurants, manche schmuddelige Eckkneipe ist dem freundlichen Café gewichen. Daneben wimmelt es in Kreuzberg von Trödlern und Nachlasshändlern. Bei "Knofi", einem türkischen Geschäft für Mittelmeerspezialitäten, treffen sich Pecorino- und Proseccokäufer.

Ob Moderatorin Mo Asumang, Regisseur Andreas Veiel oder Schauspieler wie Ben Becker und Jasmin Tabatabai: Das Viertel ist ein Magnet für Kreative. "Kreuzberg ist ein Stadtteil mit 130 000 Einwohnern, was ist da typisch?", fragt Autor Sven Regener ("Herr Lehmann") im Interview mit der "taz". "Die Leute leben alle in ihren kleinen Welten: die Türken, Wim Wenders, die Off-Theater-Fredis, die Leute, die in Fabriken arbeiten, die Beamten. Ein typisches Kreuzberg gibt es deswegen nicht."

Oder doch? Das Viertel ist unbestritten sowohl türkische als auch schwul-lesbische Hochburg. Hier gibt es einen großen türkischen Wochenmarkt, Döner für 1,20 Euro und Brautmode wie in Istanbul. Der Mehringdamm wartet mit dem Schwulen Museum und einer Reihe von einschlägigen Bars auf. Und das "SO36", der legendäre Club in der Oranienstraße, ist wohl der einer der wenigen Plätze in Deutschland, an dem man eine türkische Drag-Queen treffen kann. Eben typisch Kreuzberg.

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