„Schneidern war immer mein Hobby"
Die Männer anzieht

Die meisten Modemacher träumen von großer Damenmode an tollen Models. Dass eine Modedesignerin von Anfang an ausschließlich Männer anzieht, ist selten und in Deutschland bisher höchstwahrscheinlich einmalig: Doris Hartwich hat seit 16 Jahren Erfolg mit ihren individuellen Männerkollektionen, in denen sich auch Sportler und Filmstars gut fühlen.

Wie ein Mann so gebaut ist, müsste sie wissen: Schließlich hat Doris Hartwich mal medizinisch-technische Assistentin gelernt. "Keine Herzensentscheidung", kommentiert sie heute ihren frühen Berufszweig: "Schneidern war immer mein Hobby. Aber ich musste mich erst von einigen bürgerlichen Zwängen befreien. Ich brauchte eben Zeit, um meine Leidenschaft zum Beruf zu machen."

Dass sie nach ihrem Studium für Modedesign in Hamburg dort weitermachte, wo Männermode Stil hat, in Italien, prägt ihre Kollektionen bis heute. Sie sind eine Mischung aus südländischer Lässigkeit und präzisem preußischem Zuschnitt - immer tragbar, nie langweilig - eine Mode, die das hat, was man von Männern auch erwartet: Persönlichkeit. In der kann sich der Mann sicher fühlen - eine Voraussetzung für das Entspanntsein.

Wann ein Mann gut angezogen ist? "Wenn er seinen Typ erkannt hat", sagt die Designerin. Und der kann sehr unterschiedlich sein: "Der eine braucht einen Anzug mit Schulterpolster, der andere sieht schon in einem schlichten T-Shirt toll aus."

Unterschiedliche Typen werben seit 1999 aus Überzeugung für "ihre" Designerin. Die Fotokataloge, die jeweils zur Saison in limitierter Auflage herauskommen, sind inzwischen begehrte Sammelobjekte. Doris Hartwich will damit ihrer Zielgruppe die Identifikation mit ihrer Mode erleichtern, denn: "Eine prominente Persönlichkeit verkörpert gegenüber der Gesellschaft bestimmte Eigenschaften."

Im Fall von Box-Weltmeister Sven Ottke sind das Stärke, Macht und Mut: Für ihn schneiderte Doris Hartwich einen Boxermantel; der später zu Gunsten der Opfer der Flutkatastrophe versteigert wurde. Medienmacher Fred Kogel posierte ebenso wie Trendfriseur Gerhard Meir, der britische Schauspieler David Gant oder Dominic Raacke. Für den schneiderte Doris Hartwich die Lederjacke, die er als Tatort-Kommissar Till Ritter trägt. Der Lammnappa-Blazer wurde zwar nicht ganz so populär wie Schimanskis Knautschjacke, aber das Teil mit der handgestochenen Westernpasse war auch für Jedermann im Handel zu haben. "Für die Tatorte habe ich inzwischen sechs gleiche Jacken gemacht, weil immer wieder eine im Einsatz verbrannt oder durchschossen war", so Doris Hartwich zum Praxistest vor der Kamera.

Auch Corporate Fashion - früher nannte man solche Arbeitsklamotten schlicht Berufskleidung - gehören zum Arbeitsfeld der Designerin. Zum Beispiel für die deutscheBundesbahn. Das ist viel komplizierter, als eine schicke Show-Kollektion für die Gardemaße schlanker Models zu kreieren: "Da müssen kleine, große, dicke, dünne, eitle und schüchterne Menschen in die Mode passen, darin arbeiten und sich wohl fühlen."

Dabei wird den Trägern auch schon mal ein Mitspracherecht eingeräumt, aber nicht immer gegeben, wie dem Lokführer, der im Sommer so gerne mit kurzen Hosen in der Spitze des Zuges gesessen hätte. Doris Hartwich: "Aber das geht nicht. Das ist eine Vertrauensperson, und die muss seriös aussehen, wenn sie mal aussteigt."

Berühmte Designerkolleginnen wie Jil Sander oder Gabriele Strehle haben zuerst jahrelang Damenmode gemacht, bevor sie Männer anzogen. Hatte Doris Hartwich nie den Wunsch, mal den umgekehrten Weg zu wagen? "Nein. Ich wollte immer nur Männermode machen, schon wegen des Anspruchs. Männer wollen doch gerade für Frauen gut aussehen - da kann es kein Fehler sein, wenn eine Frau Mode entwirft, in der sie Männer sexy findet." Und: "Frauen mögen in der Mode keine Grenzen , aber Männer wollen sich nicht verkleiden lassen - sondern einfach sie selbst sein. Aber diese Grenzen kann man ausloten." Auch überschreiten? "Vielleicht übertriebene Spitzen kappt mir schon mein Außendienst. Die sagen mir schon, wenn etwas zu viel, aber auch, wenn etwas zu normal ist."

In Kollektionsbeschreibungen liest sich das dann so: "Romantik-Rebell in schwarzem Rüschenhemd zur Five-Pocket im Lederlook." Oder: "Im Stil von Zen. Tailliertes Kurzarmhemd mit Maokragen zu lässigen weiten Hosen."

"Neugierde, Lust auf Veränderungen, sogar eine gewisse Oberflächlichkeit können in der Modebranche manchmal hilfreich sein - am wichtigsten ist aber die Kommunikationsfähigkeit", sagt Doris Hartwich. Für ihre neue Kollektion, die sie auf der Münchener Fashion Fair präsentierte, ist der Schauspieler und Hartwich-Fan Ralf Bauer freundlicher Kritiker und kritischer Freund. Bei der schick schillernden Metalloptik eines Sakkos fragt er spontan: "Piept das im Flughafen?" Mit dem aktuellen Knitterlook kann er sich selbst in gemäßigter Form nicht so recht anfreunden: "Bleibt die Hose immer so knuddelig?" Eine Lederjacke in patiniertem Goldbeige findet er jedoch "gut, so richtig gut" und bei einer schwarzen Lederjacke lobt er zwar, "dass da eine Handytasche mit drin ist", meint aber zur ganzen Jacke: "Die braucht aber noch, bis die gut aussieht . . ."

Bauers Lieblingsstück ist eine weiße Hose, deren Mikrofaser-Stoff gleichzeitig fest und weich ist: "Von der ist auch unser Kostümbildner ganz begeistert." Dazu trägt er am liebsten schwarze Turnschuhe. Stehkragenhemden findet der Schauspieler gut: "Da braucht man keinen Schlips." Doch transparent sollte solch ein Hemd dann doch nicht sein. Bei so viel Durchblick erntet das Teil nur ein lang gezogenes "Neee" als Urteil.

Von Doris Hartwich gibt?s inzwischen auch Accessoires, Schuhe, Gürtel, Taschen. Ihre Kollektion ist auch auch in Holland, der Schweiz, Österreich, Japan, Russland und bei einzelnen Händlern in Paris und Las Vegas präsent. Treffen die Lizenznehmer auch den Stil der Designerin und ihrer Zielgruppe? "Da, wo das nicht klappt, dauert die Zusammenarbeit nicht lange", ist die lakonische Antwort.

Und wann kommt das Parfum? "Gar nicht", antwortet Doris Hartwich selbstbewusst: "Früher hieß es ja immer von den Modemachern, wenn man ein eigenes Parfum hat, hat man es geschafft. Heute sieht es doch so aus, dass manche gerade dann ihren Höhepunkt überschritten haben und nicht selten ganz vom Markt verschwinden."

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