Schnell auf dem Eis, ohne Scheu vor Risiken auf dem Parkett: Frank Dittrich glaubt an High-Tech und Biotechnologie
Frank Dittrich: Warum 70-Jährige in Internet-Werte investieren sollen

Frank Dittrich hat sich trotz widriger Umstände in der Weltspitze der Eisschnellläufer etabliert. Er gilt im Vergleich zu den zum Teil hoch dotierten niederländischen Kufensportlern als Amateur. In erster Linie verdient Dittrich als Banker sein Geld. Und dies wird nicht zuletzt in spekulative Papiere gesteckt.

HEERENVEEN. Frank Dittrich gerät geradezu ins Schwärmen: "Ein Wahnsinnsmarkt mit geradezu unglaublichen Entwicklungsmöglichkeiten. Dabei sind diese Aktien vielfach noch preiswert zu haben." Dittrich meint High-Tech-Werte genauso wie Biotechnologie-Papiere und Internet-Unternehmen. Vor Übertreibungen gerade in diesen Branchen scheint Dittrich keine Angst zu haben. Obwohl er als Anlageberater, ausgebildet bei der Deutschen Bank, auch die Kehrseite der Börsenmedaille kennt.

Einen gewissen Bekanntheitsgrad hat der 32-Jährige nicht als Anlage-Guru, sondern als Deutschlands erfolgreichster Eisschnellläufer erlangt. Seit neun Jahren schon gehört er auf den Eisbahnen dieser Welt zu den Top-Leuten. So auch zuletzt im niederländischen Heerenveen, wo er im Gesamt-Weltcup über 5 000 Meter Platz drei belegte. "Ich habe jetzt schon mehrfach eine solche oder ähnliche Platzierung erreicht", sagte er danach, "aber daheim in Deutschland wird es wohl wieder niemand registriert haben." Eine klare Fehleinschätzung. Diesmal brachten sogar die ARD-Tagesthemen die gute Nachricht aus den Niederlanden.

Gelaufen ist Dittrich in Heerenveen so, wie er auch sein Geld anlegt: Im Grunde solide, aber zwischendurch auch ganz schön risikoreich. Er sagt: "Ich habe natürlich in die klassischen Werte investiert, aber auch in die modernen Technologie-Werte in Amerika, Japan und Norwegen Geld gesteckt. Das ist schon etwas spekulativer."

Wo würde er sein Geld nicht anlegen? "Zum einen nicht in Immobilen, aber das ist Mentalitätssache. Mir ist der Immobilienmarkt ganz einfach zu langweilig. Auch in die Luxusgüter-Branche würde ich nicht investieren - jedenfalls nicht langfristig. Denn da sehe ich auf Dauer nicht die ganz große Entwicklung."

Seine eigene dagegen ist überaus erstaunlich. Schließlich ist Dittrich - ungeachtet der bescheidenen Trainingsmöglichkeiten - seit Jahren Weltspitze. Eigentlich müsste er vormittags aufs Eis und nachmittags in die Sporthalle - zur Gymnastik, zum Kraft- und Koordinationstraining. Doch daheim absolviert er das Training umgekehrt, was zwar jeder Methodik widerspricht, doch in Chemnitz nicht anders geht. Vormittags ist die Chemnitzer Eisbahn an die städtischen Schulen vergeben. Auch zur Massage kann er nicht. Da müsste er sich acht Wochen vorher anmelden. Der Grund: "Alle Termine sind für den Nachwuchs-Kader reserviert. Der ist immer zu Hause, und nicht wie ich ständig auf Achse."

Angesichts der permanenten Beanspruchung bleiben gesundheitliche Folgen nicht aus. " Morgens stehe ich wie ein krummes ,S vorm Spiegel. Kniebeugen gehen schon lange nicht mehr." Im Grunde ist Dittrich kein Eisschnellläufer, sondern ein Bankkaufmann, den es aufs Eis zieht.

Ab April steht er am Schalter der Sparkasse Chemnitz. Die hatte Dittrich geholt, weil er in seiner Stadt der sportlichen Erfolge wegen - sehr bekannt ist und obendrein bei der Deutschen Bank was Ordentliches gelernt hat. Im Beratergeschäft hätte er es mit einer gegenüber Banken und Sparkassen bisweilen misstrauischen Klientel zu tun. Doch unter Vermittlung des Chemnitzer Oberbürgermeisters hat die Sparkasse ihren prominenten Mitarbeiter erst mal von Juni 1999 bis April 2000 freigestellt - um sportliche Ziele zu verfolgen.

Weil er derzeit mit den Schlittschuhen im Gepäck durch die Welt reist, "kann ich nach meiner Eislauf-Pause erst mal nur normalen Schalterdienst absolvieren. Schade." Doch er will zurück ins Anlagegeschäft. Und er beobachtet seine sächsischen Landsleute ganz genau. Die Kundenmentalität habe sich in den vergangenen Jahren verändert. Das Unwohlsein der Kundschaft beim Thema Aktienkauf sei nicht mehr so ausgeprägt.

Dittrich glaubt zu wissen, warum. "Es ist nicht nur die ganz normale Gewöhnung. Ein Umdenken hat es gegeben, als seinerzeit die Deutsche Telekom an die Börse ging. Ein Unternehmen also, dessen Dienstleistung jedermann in Anspruch nimmt. Ein Unternehmen obendrein, das Aktien zu ganz erschwinglichen Preisen angeboten hat - etwas für den kleinen Mann eben." Das Wichtigste sei allerdings gewesen, "dass sogar schlechte Nachrichten über die Telekom die Privatkunden nicht veranlasst haben, ihre Papiere abzustoßen. Das hat enorm viel Misstrauen gegenüber dem gesamten Geldanlagegeschäft abgebaut."

So einer lehrt also die zum Teil hoch dotierten Eislauf-Profis aus Holland, Norwegen, Japan und Kanada das Fürchten. 1992 schon Olympia-Vierter über 5 000 Meter, 1996 WM-Dritter über 10 000 Meter, bei der Europameisterschaft im Januar nicht nur deutscher Rekordler über zehn Kilometer, sondern auch Sechstbester aller Zeiten - nur wenige Stationen seiner erfolgreichen Laufbahn. Dass er mit diesen Erfolgen jene, die nichts anderes tun, als auf dem Eis zu laufen, vergrätzt, "ist kein Wunder".

Als Geldanleger würde er eine solch offensive Taktik auch nie anwenden. "Einer 70-Jährigen, die ein Leben lang aufs Sparbuch gesetzt hat, würde ich nie zu Aktien raten. Aber eine 70-Jährige, die im flotten Sport-Coupé vorfährt und auch mal in der Spielbank gewonnen hat, wäre sicher eine impulsive Gesprächspartnerin für hochspekulative Internet-Werte."

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