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Schnell vergessen

Den Politikern bleibt in diesen Zeiten eine tröstliche Einsicht: Der Wähler vergisst schnell. Die Schwarzgeldkonten der CDU - kaum einer spricht noch davon. Der rote Korruptionssumpf in Köln - an den Stammtischen fast nicht mehr der Rede wert. Und bis zur Wahl am 22. September wohl auch ad acta gelegt: Scharping und seine zweifelhaften Geschäfte mit dem Medienberater Hunzinger. Jetzt noch die Bonusmeilen-Affäre. Der Wähler wird ähnlich damit verfahren: Aufregen, Abspeichern, Abhaken.

Die Gründe liegen auf der Hand. Verflogene private Meilen schocken in unserer Zeit wirklich niemanden mehr. Die Summen um die es hier geht, sind eher gering. Der Schaden kaum auszumachen. Und dass es die Politiker mit der Moral nicht immer so genau nehmen, wissen wir spätestens seit Kohls Parteispenden-Skandal. Nicht zu vergessen: Ein Teil der Wähler dürfte auf ganz ähnliche Weise von dienstlich erworbenen Bonusmeilen privat profitieren. Hinzu kommt: keine Partei kann die Affäre ausschlachten; betroffen sind alle. Deshalb ist Stoiber, Schröder, Westerwelle und Co daran gelegen, so schnell wie möglich zum Wahlkampf mit "Sachthemen" zurück zu kehren.

Die Zeit arbeitet zudem für die Politik. Die Wähler langweilen sich sehr schnell - sie können es "bald nicht mehr hören". Häppchenweise jeden Tag einen neuen Sünder präsentiert zu bekommen, verliert in kürzester Zeit seinen Reiz. Erstes Indiz: Die Bild-Zeitung schien schon am Freitag Schumis vernachlässigte Oma auf der Seite eins wichtiger zu sein, als die Gysis, Özdemirs und Vollmers. In ein paar Wochen dürfte deshalb kaum noch jemand - Bild-Zeitung und andere Blätter eingeschlossen - an diesem Thema interessiert sein.

Nur wenn sich die Bonusmeilen-Affäre noch deutlich ausweitet, wenn noch eine Reihe von Abgeordneten im Stil von Gysi die Brocken hin wirft, bleibt das Thema in den Schlagzeilen. Doch dafür gibt es bislang keinerlei Anzeichen, die Beharrungskräfte der meisten betroffenen Volksvertreter sind erheblich größer als die von Gysi und Özdemir.

PDS und Grünen dürfte die Vergesslichkeit der Wähler allerdings nicht viel nützen. Sie bekommen bei dem Gedanken an Bonusmeilen bestimmt noch eine ganze Weile schlechte Laune. Besonders die PDS, die mit Gregor Gysi ihre Gallionsfigur verloren hat, geht geschwächt in den Wahlkampf, was ihren Wiedereinzug in den Bundestag gefährdet. Auch die Grünen haben mit Özdemir einen wichtigen, und bis dato als integer geltenden Frontkämpfer verloren.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte
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