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Schnelle Heilung

Da haben sie bei der Abstimmung im Bundesrat noch die Märtyrer gespielt: Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm und sein Ministerpräsident Manfred Stolpe. Sie haben nicht nur mit zittrigen Worten, sondern auch mit fahrigen Gesten eine Männerfreundschaft inszeniert, die an den Vorgaben aus Berlin zerbricht. Sie ließen die Koalition in Potsdam schon mal in Scherben klirren. Doch das Wunder folgte auf dem Fuße: Fünf Tage nach dem Showdown sind die schwer getroffenen Helden schon beinahe wieder völlig genesen. Über ein Ende der Brandenburger Koalition will keiner ernsthaft mehr spekulieren.

Alles Filmkulisse? Nein nicht alles. Hinter der raschen Heilung der Brandenburger steckt Kalkül: Die Große Koalition in dem Flächenland könnte ein Modell für Berlin nach der Bundestagswahl werden. Wenn der derzeitige Trend anhält, verspricht eine Große Koalition im Bund die einzige stabile Mehrheit. Sie wäre zugleich ein Modell um den Reformstau, der durch die Blockademacht der Länder - siehe Zuwanderung - entsteht, entschieden angehen zu können. Natürlich wird sich jede Partei hüten, das Wort von der Großen Koalition in den Mund zu nehmen. Aber als Testfall kommt Brandenburg SPD und CDU jedenfalls nicht ungelegen.

Hinzukommt, dass in Brandenburg nur die PDS als Koalitionspartner für Stolpes Regierung in Frage käme. Eine weitere rot-rote Koalition kann der Kanzler aber nicht gebrauchen. Bei der umworbenen Wählermitte in den westlichen Bundesländern, wo letztlich die Wahl entschieden wird, stoßen solche Koalitionen auf Abneigung. Berlin ist schon nicht so gelaufen, wie Schröder sich das erhofft hatte. Sachsen-Anhalt mit seiner Wahl im April liegt ihm bereits im Magen. Brandenburg darf sich da nicht einreihen.

Deswegen haben sich Schröder aber auch Stoiber beeilt, Salbe auf die Wunden ihrer Brandenburger Helden zu schmieren. Kein Wunder, dass die Rezeptur bereits anschlägt.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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