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Schnelle Schüsse aus ruhiger Hand

Der Mann ist nicht für Schnelligkeit bekannt. Deswegen verblüffte die Rasanz seines Abgangs selbst politische Insider. Viele Skandälchen und Skandale hat Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping bisher "ruuuhig" und "laaangsam" abwartend überstanden. Angefangen von der munteren Plauderei über angebliche Angriffspläne der Militär-Allianz gegen den Sudan bis zum heiteren Badespaß mit seiner neuen Freundin Gräfin Pilati-Borggreve, als seine Soldaten in Afghanistan gleichzeitig Kopf und Kragen riskierten. Im Vergleich mit seinen bisherigen Ungeschicklichkeiten ist die Hunzinger-Affäre weit weniger spektakulär - und kostet ihn doch sein Amt.

Denn des Kanzlers sonst so ruhig geredete Hand rutscht plötzlich aus, wenn das Bild des handlungsmächtigen Entscheiders beschädigt werden könnte. Das weiß jetzt auch Ex-Telekom-Chef Ron Sommer. Um unmittelbar vor der Wahl nicht in den Strudel wochenlanger Auseinandersetzungen um erlaubte oder unerlaubte Honorare für Bücher oder Vorträge, die geschrieben werden bzw. gehalten worden sind oder auch nicht, zu geraten, muss Scharping abtreten. Auf Kanzlers Geheiß bleibt ihm jede Möglichkeit verwehrt, sich als Verteidigungsminister selbst zu verteidigen. Immerhin lieferten die im "Stern" präsentierten Dokumente keinerlei Beleg für einen Rechtsbruch Scharpings. Erst der Verstoß gegen die Geschäftsordnung des Bundestages machte Scharping als Minister unhaltbar. Bei konsequenter Führung des Kabinetts hätte er indes schon nach der Poolplanscherei seinen Hut nehmen müssen.

Dass der Kanzler seinem langjährigen Weggefährten nun hastig in die Parade fährt, verdeutlicht die klägliche Verfassung der Regierung vor der Wahl. Die Wirtschaft lahmt und die Arbeitslosenzahl, an deren Abbau er sich messen lassen wollte, will von alleine einfach nicht sinken. Alles, was der Opposition neben der ohnehin schon durchwachsenen Bilanz der Legislaturperiode als zusätzliche Wahlkampfmunition dienen könnte, wird schnell abgewickelt. Krisenmanagement statt Führungsqualität. Gut möglich, dass auf einen Ex-Vorstandsvorsitzenden und einen Ex-Verteidigungsminister bald ein Ex-Kanzler folgt.

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