Schneller Datenabgleich
Neue Software soll Steuertricks aufdecken

Nicht selten erzielen Firmen mit kleinen Steuertricks große Wirkung. Da verbuchte etwa ein Hotel Unmengen verderblicher Lebensmittel, die es nie gekauft hat, als Betriebsausgaben - und reduzierte so die zu versteuernden Einnahmen um ein Vielfaches. Oder eine Software-Schmiede: Sie minderte den Gewinn durch hohe Abschläge auf ausstehende Forderungen. Begründung: Das Geld sei eh nicht einzutreiben. Tatsächlich aber zahlten die Kunden pünktlich.

DÜSSELDORF. Künftig werden solche und andere Gaunereien nicht mehr spurlos an den Steuerprüfern vorbeigehen. Nach Informationen des Handelsblatts hat die Finanzverwaltung bundesweit aufgerüstet und eine Software eingekauft, die dubiose Geschäftspraktiken, Buchungstricks und Steuerbetrügereien schneller aufdecken soll. Allein in Nordrhein-Westfalen sind rund 100 Prüfer auf dem neuen System mit Namen "Win-IDEA" geschult worden - und rücken nun den Firmen zu Leibe. "Vielen mittelständischen Beratern ist noch gar nicht klar, was mit dem Datenzugriff auf sie zukommt. Die sollten sich schleunigst damit beschäftigen", sagt Martin Fliedner von der Oberfinanzdirektion (OFD) Düsseldorf.

Mit dem Einsatz von Win-IDEA (Interactive Data Extraction and Analysis) setzen die Finanzbehörden das um, was Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) Ende 2001 eingestielt hat. Er setzte durch, dass Betriebsprüfer seit Anfang des Jahres auf die EDV von Unternehmen zugreifen und alle steuerrelevanten Daten, etwa der Finanz-, Anlagen- und Lohnbuchhaltung, einsehen dürfen. Entweder erfolgt der Zugriff, indem sich die Prüfer die gewünschten Daten auf einen Datenträger überspielen lassen, der dann im jeweiligen Amt ausgewertet wird. Oder sie greifen direkt vor Ort auf das EDV-System zu. Die erste Variante kommt laut Fliedner vor allem in Kleinbetrieben zum Einsatz, wo die gesamten Daten auf eine CD passen. "Bei großen Unternehmen werden wir dagegen zunächst vor Ort sichten und die benötigten Daten auswählen." In der Wirtschaft, bei Beratern, aber auch Datenschützern ist man damit allerdings nicht einverstanden. So kritisiert Jürgen Pinne, Chef des Deutschen Steuerberaterverbandes, dass Eichel den "gläsernen Steuerbürger" wolle.

Die Firmen sehen zudem große Kosten auf sich zukommen, um persönliche Daten ihrer Mitarbeiter vom Zugriff abzuschirmen. Und Friedrich von Zezschwitz, der dem Arbeitskreis Steuern der Datenschützer aller Bundesländer vorsitzt, spricht sogar von einem "Überwachungsexzess". Das hält OFD-Experte Fliedner jedoch für völlig übertrieben. "Wir haben gar nicht genügen Zeit und Leute, um etwa private E-Mails durchzusehen. Uns liegt nur an steuerrelevanten Daten."

Das neue Programm soll vor allem die Prüfung beschleunigen. Wo Betriebsprüfer bisher Tausende von Zetteln und Quittungen per Hand sichten mussten, hilft ihnen nun ein Knopfdruck, um bewusste Tricks, aber auch ungewollte Fehler aufzudecken. So lassen sich zum Beispiel "Zeitreihenanalysen" durchführen, die auch die Mogeleien des Hotelbesitzers in Sekunden sichtbar gemacht hätten: als eklatantes Missverhältnis zwischen angeblich eingekaufter Ware und äußerst geringer Bettenbelegung. Aber auch Karussellgeschäfte, bei denen mit Scheinfirmen Vorsteuererstattungen abgezockt werden, hofft man flotter aufdecken zu können. So lasse sich demnächst per Mausklick prüfen, ob eine verdächtige Firma etwa mit einer Scheinfirma in Geschäftsbeziehung stehe, erläutert Fliedner.

Allerdings weiß auch er, dass sich die Finanzbehörden im Wettlauf mit den Beratern und Steuerpflichtigen befinden. "Schließlich ist Win-IDEA frei verkäuflich." Vertreiber ist die kanadische Firma Audicon. Berater und Unternehmen können die Software also erwerben und zur Vorprüfung einsetzen.

Deshalb können die Beamten nur punkten, indem sie die Firmen mit speziell ausgewählten Prüfbereichen überraschen. Fliedner spricht von "gewichtendem Arbeiten". Zudem versuchen findige Prüfer, eigene Programme zu entwickeln, die die Datenabgleiche noch erfolgreicher machen.

Auch Hinterzieher von Steuern auf Zinsen und Spekulationsgewinne könnten dadurch Schwierigkeiten bekommen. Denn Win-IDEA lässt sich auch bei der Überprüfung von Banken einsetzen. Noch ist keiner der 100 Prüfer darauf angesetzt. Doch die OFD Düsseldorf versucht derzeit, auch hier den Weg freizumachen. So hat man kürzlich eine Verfügung in die Welt gesetzt, wonach Steuerprüfer die Provisionskonten der Banken einsehen dürfen. Ein cleverer Schachzug: Verraten die Konten doch, wer der Bank für welche Finanzgeschäfte welches Honorar gezahlt hat. Bei Verdacht auf Hinterziehung müssen die Beamten dann nur noch nachfassen.

Allerdings steht zu erwarten, dass die Kreditinstitute dies nicht hinnehmen und zahlreiche Einspruchs- und Gerichtsverfahren folgen werden. Deshalb hofft man in der OFD auch auf Schützenhilfe von der Bundesregierung - indem Rot-Grün das Bankgeheimnis kippt.

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