Schnellere Ratings sind Balanceakt für Agenturen

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Schnellere Ratings sind Balanceakt für Agenturen

Standard & Poor's, Moody's und Fitch stehen vor einem Balanceakt. Wegen der heftigen Kritik nach der Pleite des US-Energieriesen Enron wollen die drei großen Ratingagenturen nun schneller und heftiger reagieren, wenn ein Unternehmen in Probleme gerät. Gleichzeitig laufen sie nach Einschätzung von Experten damit aber auch Gefahr, vorschnelle Urteile zu fällen, Firmen zu schaden und die Volatilität an den Märkten zu erhöhen.

Reuters FRANKFURT. Zügigere Bewertungsänderungen könnten sogar Firmen in den Ruin treiben und so häufiger zu sich selbst erfüllenden Prophezeihungen werden. Denn wenn die von vielen Firmen gefürchteten Agenturen ihren Daumen über einer Firma nach unten richten, können sie damit selbst Großkonzernen zeitweise den Geldhahn zudrehen. In den meisten Fällen werden die Agenturen jedoch weiter hinter dem Urteil des Marktes hinterherhinken - und das ist nach Ansicht der Analysten auch gut so.

Enron-Pleite beschleunigt die Benotungen

Aus Sicht vieler geprellter Investoren hatten Agenturen mit Enron die größte Pleite der US-Firmengeschichte Ende vergangenen Jahres fast verschlafen. Erst vier Tage vor Enrons Pleite signalisierten sie den Anlegern die drastisch gestiegene Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsunfähigkeit, indem sie die Firmenschulden auf "Spekulativ" (Speculative Grade) von zuvor "Investiv" (Investment Grade) stuften. Die drei wichtigsten Rating-Agenturen kündigten nach einer Welle der Kritik daraufhin an, ihre gut 20 Noten für die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens (von der Bestnote AAA bis zum Zahlungsverzug D) – die darüber entscheidet, zu welchen Kosten sich Firmen am Kapitalmarkt Geld leihen können – schneller und falls nötig auch drastischer als bisher zu ändern.

Grundsätzlich begrüßen Analysten diesen Schritt. "Im Zweifelsfall sind schnellere Änderungen gut – die Agenturen haben bei ihrem Bemühen um Kontinuität einfach viele Entwicklungen verpasst", sagt Michael Hünseler, Head of Credits bei Deka Investment.

Firmen leben gefährlicher

Schnellere Notenänderungen haben jedoch nach Ansicht der Experten auch unerwünschte Nebenwirkungen. So haben stabile Noten bisher viele vorübergehende Firmenprobleme abgefedert. Dagegen können überraschende Herabstufungen nun Krisen verschlimmern und sogar für einige Firmen zum Verhängnis werden. "Die Gefahr besteht, Halbtote mit einem Downgrade ganz zu erschlagen", sagt Helmut Kaiser, Leiter der Anlagestrategie für Privatkunden bei der Deutschen Bank.

Besonders kritisch ist die Situation für Firmen an der Schwelle zwischen einer "investiven" und einer "spekulativen" Einstufung. "Viele Fonds müssen bei einer Herabstufung in diesem Fall gemäß ihren Richtlinien verkaufen", erläutert Kaiser. Dieses Schicksal wird in Zukunft mehr Firmen ereilen, weil die Agenturen ihre Einstufungen neuerdings abhängig von der Wirtschaftslage machen wollen – bisher sollten sie im ganzen Konjunkturzyklus konstant bleiben.

Dabei sollten die Agenturen nach Hünselers Worten jedoch weiterhin nur eine Einstufung ändern, wenn sich wirklich etwas Fundamentales geändert hat. "Das Problem ist, dass die Agenturen derzeit wegen Enron nervös sind und zu schnell aufschreien." So sollte etwa ein sinkender Aktienkurs nicht allein Grund für eine Herabstufung sein – wie jüngst im Falle des US-Konzerns Tyco geschehen. Dass Investoren nun öfter eine Herabstufung fürchten müssen, wird sich auch in den Bilanzen vieler Firmen niederschlagen. "Die Kosten für Refinanzierung werden für Firmen an der Grenze zum 'Speculative Grade' dramatisch steigen", prognostiziert Hünseler.

Märkte reagieren schneller

Ungeachtet schnellerer Rating-Änderungen werden die Finanzmärkte nach Ansicht der Experten auch in Zukunft den Agenturen meist voraus sein und so die Wirkung einer Herabstufung vorwegnehmen. "Ratings werden ein nachlaufender Indikator bleiben – eine Herabstufung kommt erst, nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen ist", sagt Kaiser. Nach Ansicht von David Manoux, Leiter der Credit Research Group bei der Commerzbank in London, sollten die Agenturen auch nicht versuchen, den Märkten voraus zu eilen. "Die Agenturen sollten zwar schon schneller reagieren – gleichzeitig aber müssen sie vorsichtig sein, dass die dabei nicht kurzfristige Marktsorgen verstärken und so einen Teufelskreis auslösen." Ihre Hauptaufgabe sollten weiterhin objektive, analytische und längerfristige Bewertungen sein. "Wir sollten realistisch sein, was wir von den Agenturen erwarten können", sagt Manoux.

Auch Hünseler spricht sich dafür aus, dass die Arbeit der Agenturen weitgehend unabhängig vom Tagesgeschehen bleiben sollte: "Was die Agenturen leisten sollten, ist die Darstellung der Kapitalstruktur und der Profitabilität eines Unternehmens, Orientierungsgrößen der finanziellen Gesundheit."

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