Schnelles Ende nicht absehbar: Pjöngjangs Atompoker hält Asien in Atem

Schnelles Ende nicht absehbar
Pjöngjangs Atompoker hält Asien in Atem

Lächelnd hatten sich die Unterhändler aus Nordkorea und den USA, Japan und Südkorea, China und Russland im August 2003 die Hände geschüttelt. Doch einer Beilegung des Streits um Pjöngjangs Atomprogramm kam man im gesamten Jahr nicht näher. Nun soll man sich zum Auftakt des Jahres 2004 in Peking wieder sehen und eine Lösung in dem seit über einem Jahr schwelenden Konflikt suchen.

HB TOKIO. Doch dürfte Nordkoreas Atomprogramm eines der Dauerthemen 2004 werden, denn ein schnelles Ende ist nicht absehbar. Ein freiwilliger Verzicht auf Massenvernichtungswaffen wie ihn Libyens Führer Muammar el Gaddafi angekündigt hat, ist bei Kim Jong-Il nicht vorstellbar. Die Lage bleibt verzwickt. Die USA wollen sich nicht mit weniger zufrieden geben als dem völligen und kontrollierbaren Abbau der Atomanlagen. Die Erfahrung, dass ein Abkommen von 1994 die Nordkoreaner nicht davon abhielt, heimlich weiter Atomwaffen zu entwickeln, dürfte es schwierig machen, sich auf das nordkoreanische Angebot einzulassen, die Anlagen lediglich auf dem jetzigen Stand einzufrieren. Kurz nach dem Ausbruch des Atomstreits Ende 2002 hatte US-Außenminister Colin Powell klargemacht, dass ein neues Abkommen sehr viel weiter gehen müsse als das 94er Abkommen der Clinton-Regierung.

Mit einer völligen Aufgabe und Verschrottung aller Atomanlagen jedoch würde die Führung in Pjöngjang ihre größte Trumpfkarte aus der Hand geben. Viele Experten vermuten, dass die atomaren Fähigkeiten Nordkoreas weit unter dem liegen, womit Pjöngjang droht. Nichts Genaues aber wissen auch die Geheimdienste nicht. Mit einer Aufgabe der Atomanlagen wäre auch Kim Jong-Ils Poker mit den Weltmächten vorbei. Selbst für einen Nichtangriffspakt mit den USA und dringend nötige Wirtschaftshilfen dürfte dies ein sehr hoher Preis sein. Zumal Pjöngjang Verträgen ebenso wenig traut wie es sie einhält.

Diese weit auseinander liegenden Positionen versuchen die Unterhändler zu vereinbaren. Experten wie Nordkorea-Kenner Hideya Kurata von der Kyorin-Universität warnen vor einer möglichen Eskalation, wenn bei einem Misserfolg der Sechsergespräche die USA den Atomstreit vor den Sicherheitsrat bringen. In Diplomatenkreisen wird es aber als Minimalerfolg gewertet, dass weder die USA noch Nordkorea bisher die Türe zugeschlagen haben, sondern in der Sechserrunde weiter miteinander reden. Ein Militärschlag von Seiten der USA scheint mittlerweile unwahrscheinlich. Das Debakel im Irak im Nacken haben sich auch in Amerika die Stimmen, die Anfang 2003 noch einen gewaltsamen Regimewechsel in Pjöngjang gefordert haben, gelegt.

Stattdessen setzen die USA gemeinsam mit Verbündeten wie Australien und Japan auf schärfere Kontrollen illegaler Waffen-, Drogen- und Falschgeldgeschäfte Nordkoreas. Die Devisennot könnte zu einem graduellen Regimewandel führen, hofft man in Washington. Bis zu den US-Präsidentschaftswahlen gilt es deshalb als das wahrscheinlichste Szenario, dass der Konflikt weiter vor sich hinschwelt, auch wenn Pjöngjang klar gedroht hat, in der Zwischenzeit weiteres Plutonium wiederaufzubereiten.

Die anderen Partner der Sechserrunde vereinfachen die Verhandlungen nicht unbedingt. Japan etwa hat klar gemacht, eine Einigung müsse auch Nordkoreas Raketen und eine Lösung des Problems entführter Japaner umfassen. Derweil ächzen die Chinesen unter der Last des Vermittelns. Ihr Interesse besteht in einer nuklearfreien koreanischen Halbinsel und einer Eindämmung des Flüchtlingsstroms aus Nordkorea. Zudem wollen sie auf keinen Fall eine US-Besatzungsmacht in Nordkorea direkt vor der Haustür.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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