Schnittsoftware und schnelle Datenleitungen bringen Hörfunk wieder nach vorn
Preiswerte Technik verhilft Radio zu mehr Tempo

Das moderne Radio erobert seine Stellung als schnelles Informationsmedium zurück: Veränderte Produktionsabläufe sorgen dabei für eine nie gekannte Aktualität. Auf normalen Notebooks können Radio-Reporter ihre Beiträge vor Ort selber schneiden und über schnelle Datennetze ins Funkhaus senden.

HB DÜSSELDORF. Radio war noch vor kurzem eine umständliche Angelegenheit: Wollte ein Hörfunkreporter einen Beitrag mit Interviews oder ähnlichen Originaltönen bauen, so ging er mit einem Bandgerät zum Termin, kam mit der Kassette ins Funkhaus zurück, ließ die gewünschten Interviewelemente zurecht schneiden und setzte sich an die Schreibmaschine. Nachdem er seinen Text verfasst hatte, begab er sich mit seinem Band und seinem Manuskript ins Studio, nahm dort die eigenen Sprachpassagen auf und ließ sie mit den O-Tönen zu einer sendefertigen Reportage mischen.

Bis auf diese Weise ein O-Ton in eine Sendung kam, verging eine erhebliche Zeit - im geografisch und verkehrstechnisch günstigsten Fall sowie bei blitzschnellem Arbeiten rund eine Stunde, meist viel länger.

Heute ist das anders - auch beim Deutschlandfunk. "Hörfunk rangiert wieder unter den schnellsten Medien", sagt Gerd Pasch von der Forschungsredaktion des Kölner Senders. Seine Reporter verwenden tragbare Computer als Allroundwerkzeug. Über deren Soundkarte nehmen sie ihre O-Töne auf, schreiben ihre Texte, schneiden und mischen Beiträge gleich auf der Festplatte. Über schnelle Datenleitung - am besten per DSL - werden diese direkt vom Ort des Geschehens an die Redaktion geschickt. "Das Funkhaus ist auf die Größe eines Notebooks zusammengeschrumpft, das überall auf der Welt aufgebaut werden kann", sagt Pasch.

Komprimierungsformat MP3 auch im Radio en vogue

Die Redaktion setzt unter anderem auf das Komprimierungsformat MP3, um kleine Audiodateien mit relativ wenig Qualitätsverlust zu erzeugen. Über eine schnelle Leitung nimmt die Übertragung einer derart verpackten Reportage zum Sender deutlich weniger Zeit in Anspruch, als später zu ihrer Versendung über den Äther erforderlich ist. Brauchbare Aufnahme- und Schnittsoftware gibt es schon zu rund 100 Euro auf dem Markt. Jedes handelsübliche Notebook gereicht in Verbindung mit einem guten Mikrofon zum absolut ausreichenden Studio. Das spart dem Sender teure Studiozeit und dem Reporter die lästigen Wartezeiten und Wege.

Die Verlagerung der Produktion aus dem Funkhaus heraus lässt auch neue Arbeitsweisen zu. "Es wird zum Beispiel eine bidirektionale Produktion unterstützt", sagt Pasch. So kann ein Reporter während einer Veranstaltung fremdsprachige Interviews aufnehmen, sie ins Funkhaus schicken, dort übersetzen und mit einer Dolmetscherstimme überlagern lassen, sie digital wieder in Empfang nehmen und wenig später in seinen Beitrag einbauen.

Tückische Leichtigkeit

Allerdings birgt die Leichtigkeit der modernen Produktionsmethoden auch Gefahren. "Was wir erleben, ist eine Mischung aus Beschleunigung, Technisierung und Kommerzialisierung", sagt der Kommunikationswissenschaftler Klaus-Dieter Altmeppen von der Technischen Universität Ilmenau. "Dort, wo diese Methoden intensiv ausgenutzt werden, ist zu befürchten, dass die redaktionelle Qualitätskontrolle nicht mehr in dem Umfang stattfindet, wie sie stattfinden müsste."

Redakteur Pasch will das nicht für alle Kollegen und Sender ausschließen: "Es mag unter bestimmten Arbeitsbedingungen der Fall sein - zum Beispiel unter Zeitdruck. Das gebe ich gerne zu." Für seine eigene Redaktion konstatiert er aber: "Das ist eine Frage des journalistischen Ethos." Er selbst erlebe schnelle Datennetze und neue Produktionstools als Unterstützung bei der Qualitätssicherung. "Wir können einem Autor problemlos sagen, dass er etwas neu machen soll."

Bei kleineren Privatstationen bestreitet schon heute im so genannten Selbstfahrerstudio oft ein einziger Journalist eine gesamte Sendung als Autor, Moderator und Discjockey. Dem Deutschlandfunk gehe es mit der Technisierung dagegen nicht nicht vorrangig um den Spareffekt durch Rationalisierung, sagt Pasch. Vielmehr stehe im Vordergrund, den Hörfunk auf Grund neuer, flexibler und Zeit sparender Produktionsvorgänge "wieder als Primärmedium für spannend gemachte Nachrichten und Informationen" zu etablieren, sagt Pasch.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%