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Schnürt das Korsett enger!

Kaum gingen die Scheinwerfer aus, fing der Streit an. Ob den die Regeln für das TV-Duell der Kanzler-Aspiranten nicht zu restriktiv seien, fragten nicht nur Repräsentanten der SPD. Die Kandidaten würden in ein so enges Korsett geschnürt, dass weder Raum für Spontaneität noch für direkte Konfrontation bleibe.

Wie das mit der Konfrontation geht, konnte man schon Stunden vor dem aktuellen Duell auf Phoenix sehen. Dort lief eine Aufzeichnung der Diskussionsrunde mit Spitzenkandidaten der Wahl von 1980. Kaum gezügelt von einem hilflosen Moderatoren-Team zogen die damaligen Wahl-Matadore Schmidt, Genscher, Kohl und Strauß vom Leder. Gehört Schmidt in die Nervenanstalt? Ist Strauß ein Kriegstreiber? - Wahrlich kein Mangel an Emotionen, aber hilft das dem Zuschauer wirklich weiter?

Die Länge der Rede-Beiträge sollte in der Tat überprüft werden. Denn die Kandidaten haben mit vielen Worten wenig gesagt - das kann man auch in weniger als 90 Sekunden. Zwar ist ein 30-Sekunden-Limit keine Garantie für Gehaltvolleres. Aber immerhin würde es die Duellanten eher dazu animieren, ihre Vorstellungen auf den Punkt zu bringen.

Was nicht nur dem TV-Duell, sondern dem Wahlkampf insgesamt fehlt, sind klar formulierte Ziele. Wie soll Deutschland 2006 aussehen? Diese Frage müssen die Parteien konkret beantworten. Denn daraus ergibt sich alles andere, nämlich welche Reformen erforderlich sind, und wer Opfer bringen muss.

Gerhard Schröder hat 1998 mit seinem Versprechen, die Arbeitslosigkeit auf 3,5 Millionen zu senken, eine solche Aussage gemacht. Dass dies für ihn zum Bumerang geworden ist, spricht möglicherweise gegen Schröder, aber auf keinen Fall gegen die Formulierung konkreter, überprüfbarer Ziele im Wahlkampf.

Dass die behäbigen Deutschen tatsächlich bereit scheinen, eine Regierung nach nur einer Legislaturperiode abzuwählen, ist ein Menetekel für die politische Klasse. Weder gibt es noch stabile politische Lager, noch lässt man "die da oben" einfach machen. Denn Gerhard Schröder hat tatsächlich vieles besser gemacht. Dass ihm dennoch eine blamable Niederlage droht, liegt daran, dass er einiges schlechter und manche Reformen gar nicht gemacht hat.

Die Union hat bislang von der Enttäuschung über Rot-grün profitiert. Aber erst die Hartz-Vorschläge, später dann das Krisenmanagement der Flutkatastrophe, haben gezeigt, dass Stoibers Kampagne auf tönernen Füßen steht. Mangels eigener Visionen führt ein Erstarken der Regierung fast automatisch zu einer Schwächung des Herausforderers.

Selbst die FDP, die sich nicht mehr als Funktionspartei sieht, sondern ihrer Werte wegen gewählt werden will, hat es versäumt, ihre Vision vom Deutschland 2006 zu kommunizieren. Statt dessen vertändelt sie sich in einer überlebten Spaßkultur. Dass sie kaum noch Gehör findet, liegt weniger daran, dass Westerwelle nicht zum Kandidaten-Duell geladen wurde. In Krisenzeiten kommen Sachargumente beim Wähler einfach besser an als Beach-Volleyball.

Aber noch ist es nicht zu spät. Bis zum nächsten Duell sind es fast noch zwei Wochen, bis zur Wahl sogar noch gut drei. Zeit genug also für alle Parteien, ihre Vision zu formulieren. Und vielleicht schaffen sie es ja sogar, sie in 90 Sekunden zu präsentieren.

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