Schock nach den Ferien
Die Krise bei Opel ist noch nicht ausgestanden

In der gläsernen Eingangshalle stehen sich alter Glanz und neues Elend direkt gegenüber: rechts der schwarze Oldtimer, mit dem die Erfolgsgeschichte von Opel Belgium 1925 begann. Links ein metallic-roter Mittelklassewagen, das Modell Astra, Symbol für die Krise von Opel Belgium im Jahr 2001.

DÜSSELDORF. Dazwischen sitzt Luc Vervaet hinter dem Empfangstresen. Dem 62-Jährigen ist völlig klar, dass die Sternstunden des Astras lange vorbei sind. "Opel Belgium braucht dringend einen radikalen Modellwechsel", sagt der Flame, der seit mehr als 30 Jahren das Hauptportal von Opel mitten im Hafen von Antwerpen hütet.

Die Kollegen von der Gewerkschaft sind ganz seiner Meinung. "Opel benötigt sieben oder acht Jahre, um ein neues Modell auf den Markt zu bringen. Bei allen anderen Herstellern dauert das höchstens vier Jahre", klagt Luc Van Grinsven. Der Arbeitnehmervertreter ist schlechte Nachrichten gewohnt. Schon seit Jahren geht es bei Opel in Belgien mit der Produktion langsam, aber stetig bergab. 1997 fuhren noch 400 000 Astra vom Band, dieses Jahr sollen es nur noch 300 000 sein. Und nächstes Jahr? Van Grinsven macht sich keine Illusionen. "Wir werden noch weniger Autos herstellen und noch mehr Personal abbauen müssen", sagt der Betriebsrat und fügt mit einem trotzigen Unterton hinzu. "Aber wenn unser Werk tatsächlich geschlossen wird, dann gibt es Krieg in Antwerpen. Dann rufen wir den Generalstreik aus."

Eine Hürde ist genommen

Der Gewerkschafter ist seit vier Uhr früh auf den Beinen. Um fünf Uhr leitet er die erste Betriebsratssitzung des Tages. Um sechs empfängt er am Werkstor die Kollegen, die nach viereinhalb Wochen Werksferien zur ersten Frühschicht antreten, anschließend verteilt er Flugblätter. "Keine Betriebsschließung! Keine betriebsbedingten Kündigungen!" steht darauf.

Die braun gebrannten Arbeiter nehmen die Protestschrift mit unbewegter Miene entgegen. Die meisten von ihnen haben im Urlaub von dem Unheil erfahren, das sich in der Opel-Zentrale in Rüsselsheim zusammenbraut. "Ich saß in der Nähe von Ostende am Strand und habe es in der Zeitung gelesen", sagt Gino Gabras, der in der Lackiererei arbeitet. "Natürlich sind wir nun alle nervös. Was glauben Sie denn?" sagt der Mann.

Die Arbeiter von Opel Belgium haben nicht vergessen, was den Kollegen von Renault vor drei Jahren widerfahren ist. Damals schloss der französische Autokonzern von einem Tag auf den anderen den Standort Vilvoorde in Flandern. Über Nacht wurden Tausende von Menschen arbeitslos. Betriebsrat Van Grinsven will nicht glauben, dass Opel Belgium nun dasselbe passiert. "Wir sind nicht Vilvoorde. Die Deutschen haben doch eine ganz andere Unternehmenskultur als die Franzosen", sagt er. Das sieht Firmensprecher Dirk Snauwaert genauso. "In unserem Werk hat der soziale Dialog eine große Tradition. Hier wird nicht einfach dichtgemacht über die Köpfe der Beschäftigten hinweg."

Krise ist nicht ausgestanden

Snauwaert ist sauer auf die Presse, vor allem in Deutschland. "Die Zeitungen haben die Spekulationen in die Welt gesetzt, dass Antwerpen ganz oben auf der Abschussliste steht, und den Leuten damit hier gewaltig Angst eingejagt", ärgert er sich. Andere Medien würden korrekter berichten. Snauwaert springt aufgeregt von seinem schwarzen Ledersessel auf und wühlt in einem Büroschrank. Zum Vorschein kommt ein Artikel des Wirtschaftsblatts "De Finacieel Ekonomische Dagblad". In der Rangliste der produktivsten Autowerke Europas befinde sich Opel Antwerpen an fünfter Stelle, steht da geschrieben. "Wieso sollte GM ausgerechnet unser Werk, das in der Vergangenheit so viel rationalisiert hat, schließen?" fragt Snauwaert, schüttelt ungläubig mit dem Kopf und schaut dabei auf seine Armbanduhr. Es ist 11.30 Uhr. Um diese Zeit trifft der europäische Gesamtbetriebsrat in Rüsselsheim mit der Geschäftsführung zusammen.

Nach zweieinhalb Stunden kommt der erlösende Anruf aus Deutschland. General Motors will alle Standorte in Europa erhalten und auf betriebsbedingte Entlassungen verzichten. Der Betriebsratschef von Opel Belgium, Rudi Kennes, war bei dem Gespräch in Rüsselsheim dabei. "Nun haben wir die erste Hürde genommen", sagt er. "Zum Glück hat die Geschäftsführung nicht die Konfrontation gesucht", fügt er erleichtert hinzu.

Kennes weiß, dass die Krise von Opel damit noch längst nicht ausgestanden ist: "Wir werden nun über Vorruhestand und Abfindungen verhandeln." Er weiß auch, dass der Personalabbau allein nicht reichen wird für eine gute Zukunft. Er und seine Kollegen warten nun auf das neue Modell, das endlich wieder Glanz in die gläserne Eingangshalle bringen soll.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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