"Schock-Therapie wie bei Angst vor Spinnen"
Psychologen rätseln über die Euro-Euphorie

Die Entwicklung vollzog sich rasend schnell: Waren die Deutschen bis zum Jahresende noch erklärte Euro-Muffel, so können sie nun das neue Geld nicht schnell genug bekommen.

afp BERLIN. Von einer regelrechten "Euro-Euphorie" spricht der Handel, wo am Freitag bereits mehr Einkäufe mit dem neuen als mit dem alten Geld abgewickelt wurden. Dies zeigt einen klaren Gemütswandel, der Psychologen und Meinungsforscher überrascht. Eine mögliche Erklärung wäre nach Angaben von Guido Kiell, dass die Deutschen im Vorfeld Schwierigkeiten mit dem neuen Geld befürchteten. "Da bietet der sofortige Umtausch die einzige Möglichkeit zu schauen, ob man mit dem Euro klar kommt", sagt der Wirtschaftspsychologe von der Universität in Köln.

"Das ist eine Art Schock-Therapie wie bei der Angst vor Spinnen", meint Kiell. Es gehe darum, offensiv mit seinen Ängsten umzugehen. Und diese Strategie sei jetzt auch beim Euro zu beobachten. Schließlich hätten die Umfragen bis zum Jahresende regelmäßig erbracht, dass die Mehrzahl der Deutschen dem Euro skeptisch gegenübersteht. Ein Grund dafür könnten Ängste gewesen sein, angesichts der neuen Situation den Überblick zu verlieren. "Da muss man sich dann selbst beweisen, dass man die Kontrolle schnell wieder gewinnen kann."

Ungewohntes kennen lernen

Die einfachste Möglichkeit dafür ist beim Euro, das neue Geld anzufassen und bei Einkäufen zu erproben. So könnten die Menschen das Ungewohnte kennen lernen, ihre Ängste überwinden und ihre Einstellung zum Euro ändern, meint Kiell. Er erhebt allerdings ausdrücklich nicht den Anspruch, die allein gültige Erklärung für die jetzige Entwicklung gefunden zu haben. "Was in den einzelnen Köpfen passiert, wissen wir noch nicht", sagt auch Christa Schaffmann vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Auf jeden Fall müsse es aber emotionale und psychologische Gründe für den Euro-Hype geben, meint Kiell. "Denn es ist völlig unrational, sich zwei Stunden vor der Bank anzustellen - noch dazu bei dieser Kälte."

Diese Meinung teilt auch Verbraucherschützerin Karin Kuchelmeister. Schließlich stehe ganz klar fest, dass die Banken noch bis Ende Februar die Mark in Euro umtauschen. "Und selbst wer in zwei Jahren noch altes Geld findet, kann das gebührenfrei bei den Landeszentralbanken tauschen." Dass trotzdem viele Verbraucher offenbar lieber heute als morgen das alte Geld los sein wollen, könnte nach Ansicht der Euro-Expertin vom Bundesverband der Verbraucherzentralen mit "typisch deutschen Eigenheiten" zu begründen sein. Die Menschen seien diszipliniert, ordentlich und gründlich. "Die sagen sich: Jetzt ist das neue Geld da, jetzt muss ich es auch haben."

Reibungsloser Bargeld-Start

Beigetragen zu der positiven Stimmung hat nach Ansicht Kuchelmeisters auch der reibungslose Bargeld-Start. In Handel und Gastronomie habe es kaum Schwierigkeiten gegeben. "Zwar wurde mal aus Versehen die falsche Taste an der Kasse gedrückt, mehr aber auch nicht." Alles in allem regiere derzeit ein gesunder Pragmatismus. "Viele wollen auch nicht dauernd zwei Währungen im Portemonnaie tragen."

Auch Joachim-Friedrich Staab vom Forsa-Institut macht vor allem den problemlosen Ablauf der Umstellung für die Hinwendung zum Euro verantwortlich. Zudem seien entgegen den Befürchtungen die Preise nicht gestiegen, oft seien Produkte durch Sonderaktionen zum Euro-Start sogar billiger geworden. Letztlich hätten sich die Deutschen den Realitäten gebeugt, sagt Staab. "Alle wissen, man kann nichts dagegen tun. Also arrangiert man sich."

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