Archiv
Schöne bunte Anwaltswelt

49,90 Euro für eine Rechtsberatung - die Aldisierung macht auch vor den deutschen Anwalt-Kanzleien nicht Halt

DÜSSELDORF. Die selbst ernannte Zukunft des deutschen Anwaltsmarktes kommt im Zweisitzer daher. Die schwarz lackierte Außenhaut des BMW Z3 spiegelt die gleißende Mittagssonne, im Innern leuchten rote Ledersitze. Michael Zahrt ist spät dran, er hat den verabredeten Termin verschwitzt. Doch der Ex-Journalist und jetzige Anwalt war nicht umsonst bei der Großkanzlei PricewaterCoopers Veltins auch für die "Entertainment"-Branche zuständig. Was Positives findet einer wie er immer. "Durch die Hetze", grinst der mittelgroße Mann, "erleben Sie mich mal so, wie ich wirklich bin." Cremefarbener Anzug, weißes Hemd, reichlich Gel im Haar und Sonnenbrille obendrauf - keine Frage, Michael Zahrt, Ende dreißig, mag sich selbst am liebsten smart.

Beredt, ein bisschen selbstverliebt, aber nicht wirklich unsympathisch, auf Deutsch: ein Verkaufstalent ist Zahrt - und das braucht es wohl auch, um das zu tun, was er und sein koreanischer Firmenpartner Ha-Sung Chung planen. Nichts weniger als den deutschen Anwaltsmarkt wollen die Inhaber der Janolaw AG aufmischen: Binnen vier Jahren soll die Republik mit einem Netz von über 300 Franchise-Kanzleien überzogen sein. Rechtsberatung von der Stange, immer gleiche Antworten, immer gleiche Preise, immer für kleines Geld. "Der Aldi der Branche. 49,90 Euro für die Erstberatung", rührt Zahrt die Werbetrommel.

Schöne neue bunte Anwaltswelt: Zahrt und Chung sind nicht die einzigen, die dem Einzelkämpfer Marke "Liebling Kreuzberg" oder den großen Kanzleifabriken etwas entgegensetzen wollen. Von allen Seiten gerät der Markt unter Druck: Rund 120 000 Anwälte gibt es inzwischen, von denen viele kaum noch ihr täglich Brot erwirtschaften. Das große Geschäft mit der Beratung bei Unternehmenstransaktionen wird von internationalen Großkanzleien beherrscht. Und: Versicherungen, Banken und andere Dienstleister machen den Anwälten mit eigenem Rechtsrat Konkurrenz

. Die Landschaft hat sich radikal gewandelt", sagt Christoph Vaagt, Geschäftsführer der auf Anwälte spezialisierten Unternehmensberatung Hildebrandt International. Motor des Wandels war nicht die Politik, sondern es waren die Gerichte - allen voran das Bundesverfassungsgericht. Auf seinen Druck hin ist das einst so strikte Verbot, für seine Leistungen zu werben, auf einen kaum noch kenntlichen Restrumpf zusammengeschrumpft. Und auch in Brüssel beginnt man den gesetzlichen Hürden mehr Aufmerksamkeit zu schenken. EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti hat angedeutet, dass er die Kammerstrukturen und die gesetzlich festgelegten Anwaltsgebühren in Deutschland für kartellverdächtig hält. Die Erkenntnis setzt sich durch: Anwälte sind Unternehmer - nicht mehr und nicht weniger.

In Sulzbach, einem kleinen Ort am Rande des Taunus, hat die Janolaw AG ihren Sitz. Es ist heiß, stickig. In den schicken Büroräumen, weiße Wände, schwarze Ledersitze, fehlt nur die Klimaanlage. Wer bei über 30 Grad noch zu den angebotenen Schokoladenplätzchen greift, macht einen Fehler.

Einem scheint die Hitze nichts auszumachen. Das konservative Outfit von Ha-Sung Chung, grauer Anzug, dazu mittelblaues Hemd und rote Krawatte, lässt auch nach zwei Stunden keinerlei Schweißflecken erkennen. Der clevere Anwalt, einer der wenigen Koreaner mit deutscher Zulassung, wirkt etwas wie das Klischee des stoischen Asiaten: wenig Gesten, wenig Mimik.

Mit Hilfe von 40 freien Mitarbeitern hat er eine Datenbank für das gesamte Zivilrecht programmiert, über die sich heute Privatleute wie Anwälte Online-Rechtsrat und Dokumente holen können. Einfach durch einen Fragebaum mit Ja/Nein durcharbeiten: am Ende gibt es eine von renommierten Professoren abgenommene Antwort, einen Vertrag oder einen vorformulierten Schriftsatz. Doch "Clever und Smart" reicht die Online-Beratung nicht mehr. Jetzt wollen sie das ganz große Rad drehen. Bis 2007 sollen in Deutschland genau 323 so genannte "Law Stores" in besten Innenstadtlagen entstehen, alle ausgestattet mit der Janolaw-Software. Wer einsteigen will, muss allerdings tief in die Tasche greifen. Neben der Raummiete schlagen unter anderem eine Aufnahmegebühr von 10 000 Euro zu Buche. Zusätzlich müssen zehn Prozent vom Umsatz abgeführt werden. Zweifel, dass bei diesen Konditionen jemand anbeißt, haben Chung und Zahrt nicht. "Es gibt ein riesiges Bedürfnis von jungen Juristen, die nicht in den alten angestammten Berufsfeldern arbeiten wollen."

Der Rechtsberatungsmarkt muss sich bewegen - das ist auch den Kammern nicht entgangen. Bernhard Dombek, Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer, kennt mehrere Anwälte persönlich, die noch vor zehn Jahren ein gutes Auskommen hatten. "Denen geht es jetzt schlecht", sagt er. "Weil sie sich nicht bewegt haben. Weil sie geglaubt haben, ein Schild an die Tür zu schrauben reicht aus, und die Mandanten kommen." Irrtum, sagt Dombek: Marketing heißt das Gebot der Stunde. Und was die Franchise-Kanzlei anbelangt: "Warum nicht? Ich finde das eine gute Sache, wenn Anwälte innovative Ideen haben." Für gängige Standardsachen - "Konfektionsware", wie Dombek es nennt - "könnte ich mir vorstellen, dass so etwas machbar ist."

So viel berufsständische Offenheit ist keine Selbstverständlichkeit: Bis vor wenigen Jahren riefen die Anwaltsfunktionäre jeden Kollegen, dessen Kanzleischild die üblichen Abmessungen nur um eine Winzigkeit überschritt, erbarmungslos zur Ordnung.

Mit der Abwehrhaltung der Anwaltskammern musste auch ein anderer Pionier des Anwalts-Marketings seine Erfahrungen machen - die Berliner Infogenie AG, die 1999 als erstes eine Rechtsberatungs-Hotline aufzog. Die Idee dahinter: Der Kunde sucht schnellen und billigen Rechtsrat und ruft einfach eine 0190er-Nummer an. Am anderen Ende der Leitung sitzt ein Anwalt, der ihm weiterhilft, die Sache kostet 1,86 Euro pro Minute, und abgerechnet wird über die Telefonrechnung. So weit, so unkompliziert, dachte man bei Infogenie zu Beginn. Doch die einstweiligen Verfügungen ließen nicht lange auf sich warten. Ein jahrelanger Rechtsstreit schloss sich an. Erst im September 2002 machte der Bundesgerichtshof der Sache ein Ende: Die telefonische Rechtsberatung ist zulässig.

Infogenie hat schwere Zeiten hinter sich - im Frühjahr 2002 wäre das Unternehmen beinahe Pleite gegangen. Geschäftsführer Thomas Dehler, 38, macht die Abmahnungen örtlicher Rechtsanwaltskammern und mehrerer Anwälte für die Probleme verantwortlich. "Wir konnten jahrelang kein Marketing machen", klagt er. Jetzt, nach dem gewonnen Prozess, will Dehler Schadensersatz.

Und was die Werbung betrifft, so sollen künftig auf zehn privaten Ballungsraumsendern TV-Spots laufen. Ein Spot zum Thema Mietrecht ist bereits produziert: Auf dem Schirm ist ein akkurat gescheitelter Anwalt mit blauer Krawatte zu sehen, aus dem Off fragt eine Frauenstimme, ob man als Mieter vorzeitig aus dem Vertrag rauskommt, wenn man einen Nachmieter stellt. Antwort: je nachdem. Und dann wird die 0190-Nummer eingeblendet.

Doch noch hat die Zukunft nicht wirklich begonnen. Erst 75 Anwälte hat Infogenie gegenwärtig unter Vertrag, gibt Dehler verschämt zu. Bei Janolaw sieht es nicht viel anders aus: Gemeldet haben sich bisher 86 potenzielle Franchise-Anwälte, fest angebissen hat allerdings noch keiner. Zahrt und Chung haben sich deshalb entschlossen, die ersten über die Bank finanzierten Kanzleien in Düsseldorf und Frankfurt zunächst mit eigenen Mitarbeitern zu führen. Aber auch das treibt Zahrt die zur Schau gestellte Lässigkeit nicht aus. "Wir können den Leuten doch nichts vom Pferd erzählen", sagt er mit sichtlicher Freude an seiner Schlusspointe, "ohne selbst geritten zu haben."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%